Kindertraumatologie – Kinder sind keine kleinen Erwachsenen
Unfälle gelten in Deutschland bereits ab dem ersten Lebensjahr als die häufigste Todesursache im Kindesalter. Gleichzeitig zeigen sich Verletzungsmuster, Unfallmechanismen und Heilungsverläufe bei Kindern und Jugendlichen, die sich grundlegend von denen Erwachsener unterscheiden. Mögliche Spätfolgen im Erwachsenenalter reichen von Wachstumsstörungen, Fehlstellungen und Instabilitäten bis hin zu Einsteifungen und Arthrosen betroffener Gelenke. Im Rahmen der Primärbehandlung ist es von großem Wert, potenzielle Spätfolgen vorausschauend zu kennen und die therapeutischen Optionen entsprechend einzuschätzen. Die Kindertraumatologie ist daher ein ganzheitliches Fachgebiet, in dem Kenntnisse der Erwachsenenmedizin ebenso erforderlich sind wie eine spezifische kindertraumatologische Expertise. Sie zählt zu den Kernkompetenzen der Unfallchirurgie und nimmt innerhalb unseres Fachgebiets einen besonderen Stellenwert ein. Dies geht deutlich über eine bloße Adaption von Behandlungskonzepten für Erwachsene hinaus und erfordert Erfahrung, fachliche Expertise und Einfühlungsvermögen.
Eine kindgerechte traumatologische Versorgung verlangt professionelle Strukturen, interdisziplinäre Teams und abgestimmte Versorgungspfade – vom Rettungsdienst über die Notaufnahme bis hin zur Rehabilitation. Neben der unfallchirurgischen fachlichen Kompetenz sind eine altersgerechte Kommunikation sowie die konsequente Einbeziehung der Eltern entscheidend, um Vertrauen aufzubauen und den Behandlungserfolg junger Patientinnen und Patienten zu sichern. Der therapeutische Erfolg hängt somit nicht allein von der technischen Qualität der Behandlung ab, sondern ebenso vom Verständnis der besonderen Bedürfnisse im Kindes- und Jugendalter. Gerade im Spannungsfeld von Personalmangel und zunehmender Ökonomisierung bleibt es unser gemeinsames Ziel, die kindertraumatologische Versorgung auf höchstem fachlichem und menschlichem Niveau zu gewährleisten.
Orientierung bieten kindertraumatologische Leitlinien, unter anderem zur Bildgebung und zu Verletzungen der oberen und unteren Extremitäten. Sie formulieren die Grundpfeiler einer modernen, evidenzbasierten Versorgung: eine indikationsgerechte Diagnostik, operative und konservative Therapiestrategien, konsequenter Strahlenschutz sowie eine alters- und wachstumsgerechte Nachsorge mit besonderem Augenmerk auf Funktion und Entwicklung.
Zentrale Säulen einer sicheren Versorgung bilden die Traumanetzwerke der DGU. Sie bieten strukturierte Prozesse, Simulationstrainings und interdisziplinäre Fortbildungsangebote, sichern Qualität und fördern den Wissenstransfer sowie die Implementierung aktueller Leitlinien in den klinischen Alltag.
Das vorliegende Themenheft widmet sich zentralen Fragestellungen und aktuellen Entwicklungen der Kindertraumatologie. Es beleuchtet die besonderen Anforderungen an die Bildgebung, typische Verletzungsmuster des wachsenden Skeletts sowie seltenere und komplexe Verletzungen, etwa der Wirbelsäule oder des kraniozervikalen Übergangs. Auch die Versorgung polytraumatisierter Kinder sowie Spätfolgen und sekundäre Deformitäten werden thematisiert.
Die Beiträge dieses Heftes verdeutlichen, dass Kindertraumatologie weit mehr ist als „Erwachsenentraumatologie in klein“. Sie vereint präzise Diagnostik, individualisierte Therapie und menschliche Zuwendung. Dieses Themenheft soll dazu beitragen, das Bewusstsein für die besonderen Anforderungen weiter zu schärfen und die Versorgung nachhaltig zu verbessern. Wir kümmern uns um die Kleinsten – sie sind unsere Zukunft.
Wir danken den Autorinnen und Autoren für ihre wertvollen Beiträge und wünschen eine anregende Lektüre.
Ihr
Mario Perl und Lars Victor von Engelhardt
Univ.-Prof. Dr. med. Mario Perl, MHBA
Unfallchirurgische und
Orthopädische Klinik
Universitätsklinikum Erlangen
Lehrstuhl für Unfallchirurgie &
Orthopädie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Prof. Dr. med.
Lars Victor von Engelhardt
Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sportmedizin am Klinikum Peine &