Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Bildgebung in der Kinder- und JugendtraumatologieRationale und Praxis
Ralf Kraus
Zusammenfassung:
Bildgebende Verfahren in der Traumatologie des Wachstumsalters müssen die besondere Strahlenempfindlichkeit der Gewebe von Kindern- und Jugendlichen beachten. Dies ist bei der Indikationsstellung zu bildgebender Diagnostik zu berücksichtigen. Diese beruht auf einer Arbeitsdiagnose, die aufgrund fundierter Kenntnisse der altersbezogenen Verletzungsbilder, der Anamnese und einer schonenden klinischen Befunderhebung gestellt wird.
Die Fraktursonografie gewinnt zunehmend an Bedeutung und ist für einige Skelettabschnitte schon eingehend evaluiert. Das konventionelle Röntgenbild ist dennoch aus der Diagnostik von Frakturen und Luxationen im Wachstumsalter noch lange nicht wegzudenken. Schnittbildverfahren wie CT und MRT haben in diesem Bereich bei Weitem nicht die gleiche Bedeutung wie in der Erwachsenentraumatologie. Ihr Einsatz beschränkt sich im Wesentlichen auf gelenkbeteiligende Frakturen des Adoleszentenalters (CT), sowie auf intraartikuläre Verletzungen und Verletzungsfolgen (MRT).
Besonderes Augenmerk muss auf die intraoperative Anwendung ionisierender Strahlung gerichtet werden, um Patientinnen und Patienten und Behandlungsteam zu schützen.
Schlüsselwörter:
Kindertraumatologie, Sonografie, Röntgen, Diagnostik, Indikation
Zitierweise:
Kraus R: Bildgebung in der Kinder- und Jugendtraumatologie. Rationale und Praxis
OUP 2026; 15: 08–12
DOI 10.53180/oup.2026.0008-0012
Summary: Imaging techniques in the traumatology of the growth-age must take into account the particular radiation sensitivity of the tissues of children and adolescents. This must be respected when indicating diagnostic imaging. This is based on a working diagnosis, which is made on the basis of in-depth knowledge of age-related injury patterns, the anamnesis and a gentle clinical assessment.
Fracture sonography is becoming increasingly important and has already been extensively evaluated for some skeletal sections. Nevertheless, the conventional X-ray image is still an indispensable part of the diagnosis of fractures and dislocations in growth-age. Cross-sectional imaging procedures such as CT and MRI in this field are not as important in this area as they are in adult traumatology by far. Their use is essentially limited to joint-involving fractures of adolescence (CT), as well as intra-articular injuries and injury aftermaths (MRI).
Particular attention must be paid to the intraoperative use of ionizing radiation to protect patients and treatment teams.
Keywords: Pediatric traumatology, sonography, X-rays, diagnosis, indication
Citation: Kraus R: Imaging in pediatric and adolescent traumatology. Rationale and practice
OUP 2026; 15: 08–12. DOI 10.53180/oup.2026.0008-0012
Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Standort Gießen
Einleitung
Die Grundlage jedweder bildgebender Diagnostik in der Kinder- und Jugendtraumatologie sind fundierte Vorkenntnisse der speziellen Verletzungsmuster und Frakturformen des jeweiligen Patientenalters. Diese sind stereotyp und vielmehr vom Reifezustand des Bewegungsapparates als vom Ablauf des Unfallereignisses und von einwirkenden Kräften abhängig [1]. So erwarten wir angesichts eines nach Sturz geschwollenen Ellenbogens beim Vierjährigen am ehesten eine Kondylus radialis humeri-Fraktur, beim Siebenjährigen eine Suprakondyläre Humerusfraktur und beim Zwölfjährigen am ehesten eine Ellenbogenluxation [2]. Die Übergänge der altersabhängigen Verletzungsmuster fließen. Wir können aber mit Sicherheit sagen, dass eine Vierjährige nach einem Distorsionstrauma des Sprunggelenkes ein anderes Verletzungsbild aufweisen wird als eine Vierzehnjährige.
Wenn wir also wissen, welche Frakturform wir zu erwarten haben, werden wir diese auch im Bildmaterial wiedererkennen. Die Verletzungsanamnese spielt demgegenüber eine eher untergeordnete Rolle, auch wenn sie natürlich nicht außer Acht gelassen werden darf. Zum einen sind gerade kleine Kinder meist nicht in der Lage den Unfallhergang ausreichend genau zu beschreiben. Darüber hinaus geschehen viele Unfallereignisse ohne das Beisein Erwachsener, die diese Beschreibung geben könnten. Und letztendlich spielt, wie oben angeführt, auch in den wenigsten Fällen das Unfallereignis eine relevante Rolle für die Ausprägung der Verletzung.
Eine adäquate klinische Untersuchung ist natürlich unbedingt von Nöten, muss aber so durchgeführt werden, dass sie dem verletzten Kind nicht noch zusätzlich Schmerzen und Angst verursacht. Sichere Frakturzeichen wie Krepitationen und abnorme Beweglichkeit werden also nicht ausgelöst [3]! Die Verletzungsregion selbst sollte nur einer Inspektion unterzogen und Schwellung, Rötung, Wunden oder Fehlstellungen registriert werden. Essenziell ist gerade bei Extremitätenverletzungen jedoch die Beurteilung der Peripherie. Hier ist die Durchblutungssituation mit Pulsstatus, Rekapillarisierungszeit und Hauttemperatur zu untersuchen und zu dokumentieren. Außerdem sollte wenn möglich ein orientierender neurologischer Status erhoben werden, ersteres um ggf. vorliegende Gefäßverletzungen, letzteres um Nervenverletzungen nicht zu übersehen.
Aus Vorkenntnissen, Anamnese und klinischem Befund kann die Kindertraumatologin bzw. der Kindertraumatologe dann eine Arbeitsdiagnose erstellen und im nächsten Schritt überlegen, welche der zur Verfügung stehenden bildgebenden Untersuchungen am besten und kindgerechtesten geeignet ist, die Arbeitsdiagnose zu bestätigen oder zu widerlegen.
Dabei ist selbstverständlich zu berücksichtigen, dass der Einsatz ionisierender Strahlung im Rahmen der Röntgen- und CT-Diagnostik auf ein Mindestmaß zu beschränken ist [4, 5]. Es ist zu berücksichtigen, dass deren schädigende Wirkung sich am wachsenden Organismus weit mehr manifestieren kann als beim Erwachsenen. Röntgen- und CT-Untersuchungen müssen daher nach dem ALARA-Prinzip (As Low As Reasonable Achievable) gehandhabt werden [4, 6, 7]. Die Nutzung technischer Hilfsmittel auf dem neuesten Stand wie Filter, Blenden, computergestützte Bildbearbeitung etc. zur Reduktion der Strahlenexposition ist dabei vorauszusetzen.
Fraktursonografie
Die Fraktursonografie wird in Zukunft einen zunehmend wichtigen Stellenwert in der Primär- und Verlaufsdiagnostik bei Frakturen im Wachstumsalter einnehmen. Sie ist frei von jeder Strahlenbelastung und damit bedenkenlos wiederholbar. Auch im Falle einer frischen Verletzung wird sie von den jungen Patientinnen und Patienten meist gut toleriert. Die Kühlung durch das Ultraschallgel und die Zuwendung durch die untersuchende Ärztin bzw. den untersuchenden Arzt wird als angenehm empfunden. Eine strukturelle Untersuchung mit festgelegten Schnittebenen ist notwendig [8, 9]. Sie erfordert dennoch durch Geübte nur wenig Zeit. Der Zeitaufwand durch ärztliches Personal wird dennoch noch oft als Gegenargument angeführt.
