Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Bildgebung in der Kinder- und Jugendtraumatologie
Rationale und Praxis

Die Computertomografie hat in der Frakturdiagnostik bei Kindern einen untergeordneten Stellenwert. Anders ist das bei Gelenk beteiligenden Frakturen in der Adoleszenz. Obwohl auch hier noch stereotype Verletzungsmuster vorherrschen, die auch auf einfachen Röntgenbildern eindeutig erkannt werden können, werden die Verletzungsausprägungen individueller und ähnlicher den impact-abhängigen Frakturformen der Erwachsenen. An der unteren Extremität gilt dies für die seltenen epiphysären Frakturen des distalen Femur und der proximalen Tibia, vor allem aber die Übergangsfrakturen der distalen Tibia, die im Einzelfall einer dreidimensionalen Bildgebung bedürfen können [19, 20]. Zudem zeigt gerade im letzten Fall die Computertomografie manchmal einen Dislokationsgrad, der größer ist als in den entsprechenden Röntgenbildern. An der oberen Extremität sind es vor allem die koronaren Abscherfrakturen des distalen Humerus, deren Ausmaß in konventionellen Röntgenbildern meist nicht abgeschätzt werden kann (Abb. 4).

Eine spezielle Indikation für die Computertomografie besteht weiterhin für die Schockraumdiagnostik schwerstverletzter Kinder und Jugendlicher, die jedoch individueller als bei Erwachsenen und unter besonderer Berücksichtigung aller anderen Modalitäten der Diagnostik gestellt werden muss [22–24].

Voraussetzung für den Einsatz der Computertomografie im Wachstumsalter ist die Anwendung adaptierter Protokolle zur Minimierung der Strahlenbelastung. Für den Einsatz der Computertomografie im Falle der typischen Verletzungen im Kindesalter bis hin zu den präpubertären Wachstumsfugenlösungen sehen wir keine Indikation.

MRT

Die Kernspintomografie spielt in der akuten Diagnostik von Verletzungen im Kindes- und Jugendalter eine untergeordnete Rolle, wenn es um die Frakturdarstellung geht. Sie hat ihren Stellenwert, wenn es nach konventionell radiologischem Ausschluss einer Fraktur darum geht, eine intraartikuläre Verletzung darzustellen. Dies betrifft natürlich am häufigsten das Kniegelenk. Hier ist die Kernspintomografie in der Lage, das Verletzungsausmaß nach einer Patellaluxation, aber auch Knorpel-, Meniskus- und Bandläsionen nach Distorsionstraumata zu zeigen (Abb. 5).

Weiterhin ist, wenn im Verlauf nach einem Verletzungsereignis Beschwerden verbleiben, die Kernspintomografie das Mittel der Wahl zur Darstellung von posttraumatischen Knochenödemen oder den typischen Befunden einer Algodystrophie. Diese manifestiert sich bei Jugendlichen im Gegensatz zu Erwachsenen häufiger am Fuß als an der Hand. Typisch sind Signalanhebungen in der STIR-Sequenz der Fußwurzelknochen [25, 26]. Auch zur Darstellung knöcherner Fugenbrücken bei posttraumatischen, hemmenden Wachstumsstörungen ist die Kernspintomografie hervorragend geeignet.

DVT

Die digitale Volumentomografie wird derzeit aggressiv und inflationär beworben und die vermeintlich geringe Strahlenbelastung in den Vordergrund gestellt [27]. Im Bereich der Kinder- und Jugendtraumatologie wird sie sogar zur Verlaufsbeobachtung und -dokumentation angepriesen. Eine solche muss aber in erster Linie durch eine klinische Fragestellung gerechtfertigt sein, sei die Strahlenbelastung auch noch so niedrig. Auch die DVT kann spezifische Vorkenntnisse der stereotypen Verletzungen des Wachstumsalters und deren natürlichen Verlauf nicht ersetzen. Die tatsächliche Strahlenbelastung wird derzeit im Detail untersucht. Dann wird auch diese bildgebende Untersuchungsmethode unter bestimmten Voraussetzungen und bei speziellen Fragestellungen sicher ihren Teil zur kindertraumatologischen Diagnostik beitragen können.

Intra- und postoperative Bildgebung,
Metallentfernung

Intraoperative Bildgebung

Auch die intraoperative Anwendung der Röntgendiagnostik muss dem ALARA-Prinzip folgen. Hier sind technische Voraussetzungen zu erfüllen, wie Filter, Blenden und gepulste Durchleuchtung. Moderne Durchleuchtungseinheiten haben dementsprechende „Kinderprogramme“. Außerdem sind Patientinnen und Patienten und Personal durch Bleimatten, Schürzen und ähnliche Hilfsmittel zu schützen. Das Durchleuchten auf der Strahlenquelle („auf dem Topf“) ist unbedingt zu unterlassen [26]. Dennoch ist klar, dass intramedulläre Techniken wie die häufig angewandte ESIN-Technik einen erhöhten Strahlungsbedarf mit sich bringen [29]. Dies sollte jedoch nicht als Argument für nicht kindgerechte offene Repositionen und Osteosynthesetechniken angeführt werden. Auch in diesem Zusammenhang gibt es Ansätze, die Sonografie intraoperativ anzuwenden und so ionisierende Strahlung einzusparen [30, 31]. Entscheidende Operationsschritte wie Repositionsergebnis oder Platzierung von Osteosynthesematerial müssen dennoch intraoperativ dokumentiert werden. Die Operation darf nicht beendet werden, bevor anhand der intraoperativen Darstellung sichergestellt ist, dass das erwünschte Therapieziel erreicht ist.

Da die meisten klinischen Bilddokumentationssysteme mittlerweile eine verlustfreie Archivierung intraoperativer Bilder erlauben, ist es in den meisten Fällen nicht mehr notwendig, ein zusätzliches postoperatives Röntgenbild z.B. am Folgetag der Operation anzufertigen. Ausnahmen können per ESIN stabilisierte Schaftfrakturen langer Röhrenknochen sein, da es am Bildwandler nicht möglich ist, den gesamten Knochenverlauf und damit die Knochenachse vollständig zu beurteilen.

Verlaufskontrollen

Zur Dokumentation des knöchernen Heilverlaufs werden vielerlei Röntgenkontrollen indiziert. Dazu ist es jedoch unbedingt notwendig, dass aus den Befunden auch Konsequenzen für den weiteren Behandlungsverlauf gezogen werden können. Ist dies nicht der Fall, sollten solche Kontrollen unterlassen werden [32].

Metallentfernung

Röntgenkontrollen in Zusammenhang mit der Entfernung von Osteosynthesematerial können nicht vermieden werden. Es ist auf jeden Fall zu überprüfen, ob vor der Metallentfernung eine knöcherne Heilung in adäquater Art und Weise eingetreten ist. Nur dann sollte das Osteosynthesematerial auch entfernt werden. Ist dies nicht der Fall, muss der Eingriff gegebenenfalls aufgeschoben werden. Andererseits halten wir eine Röntgendokumentation nach erfolgter Metallentfernung, gleich ob intra- oder postoperativ für nicht indiziert. Ausnahmen können Fälle sein, in denen wissentlich Teile des Materials belassen wurden, oder die Entfernung zum Beispiel nach dem Freilegen eines knöchern überbauten Implantates besonders aufwendig war.

Interessenkonflikte:

Keine angegeben.

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag aus dem Zertifikatskurrikulum „Kinder- und Jugendtraumatologie“ der Akademie der Unfallchirurgie (AUC), München.

Das Literaturverzeichnis zu
diesem Beitrag finden Sie auf:
www.online-oup.de.

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