Übersichtsarbeiten - OUP 02/2026

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom Typ 1 der oberen Extremität
Diagnostik und evidenzbasierte Therapie

Sarah Thoma-Jennerwein, Reinhard Thoma

Zusammenfassung:
Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) Typ I der oberen Extremität ist eine seltene, aber klinisch bedeutsame Erkrankung mit disproportional starken Schmerzen und funktionellen Einschränkungen. Die Inzidenz beträgt 5–26 pro 100.000, Frauen sind häufiger betroffen, meist nach Trauma oder Operation. Die Diagnose erfolgt klinisch anhand der Budapest-Kriterien, die sensibilitäts-, vasomotorische, sudomotorische und motorisch-trophische Veränderungen erfassen. Pathophysiologisch liegt ein multifaktorielles Zusammenspiel aus neurogener Entzündung, autonomer Dysregulation und zentraler Sensibilisierung vor; genetische und immunologische Faktoren können beteiligt sein.
Die Therapie erfordert ein frühzeitiges, multimodales Vorgehen. Zentrale Säulen sind Edukation, Physio- und Ergotherapie, psychologische Interventionen sowie medikamentöse und invasive Verfahren bei therapierefraktären Verläufen. Edukation reduziert Angst und fördert Selbstmanagement. Evidenz für physio- und ergotherapeutische Maßnahmen ist begrenzt; Spiegeltherapie und Pain Exposure Physical Therapy zeigen moderate Effekte, während für Graded Motor Imagery und virtuelle Realität die Evidenz niedrig ist. Kognitive Verhaltenstherapie gilt als essenzieller Bestandteil multimodaler Konzepte.
Pharmakologisch sind Bisphosphonate, Ketamin und Neuromodulation am besten belegt. Mechanismen basierte Ansätze, die Subtypen wie inflammatorisch, neuropathisch oder vasomotorisch berücksichtigen, ermöglichen eine individualisierte Therapie. Prognostisch bleibt CRPS oft langwierig: Nach 12 Monaten leiden 51–89 % der Patientinnen und Patienten weiterhin unter Schmerzen, die Funktion ist deutlich eingeschränkt, und bis zu 40 % kehren nicht an den Arbeitsplatz zurück. Zukünftige Forschung sollte prädiktive Biomarker und individualisierte Strategien prüfen, um Chronifizierung zu verhindern.

Schlüsselwörter:
Komplexes regionales Schmerzsyndrom, CRPS, chronischer Schmerz, Mechanismen basierte
Therapie, Neuromodulation, Evidenz

Zitierweise:
Thoma-Jennerwein S, Thoma R: Das komplexe regionale Schmerzsyndrom Typ 1 der oberen
Extremität. Diagnostik und evidenzbasierte Therapie
OUP 2026; 15: 79–86
DOI 10.53180/oup.2026.0079–0086

Summary: Complex Regional Pain Syndrome (CRPS) Type I of the upper extremity is a rare but clinically significant condition characterized by disproportionate pain and functional impairment. Incidence ranges from 5–26 per 100,000, with women affected more often, typically following trauma or surgery. Diagnosis is based on the Budapest criteria, covering sensory, vasomotor, sudomotor, and motor-trophic changes. Pathophysiology involves a multifactorial interplay of neurogenic inflammation, autonomic dysregulation, and possible central sensitization; genetic and immune factors may contribute.
Management requires early, multimodal intervention. Core pillars include education, physiotherapy, occupational therapy, psychological support, and pharmacological or invasive options for refractory cases. Patient education reduces anxiety and promotes self-management. Evidence for physiotherapy and occupational therapy is limited; mirror therapy and Pain Exposure Physical Therapy show moderate benefits, while graded motor imagery and virtual reality have low evidence. Cognitive behavioral therapy is considered essential within multimodal programs.
Pharmacological strategies with the strongest evidence include bisphosphonates, ketamine, and neuromodulation. Mechanism-based approaches targeting subtypes such as inflammatory, neuropathic, or vasomotor allow individualized treatment. Prognosis remains challenging: after 12 months, 51–89 % of patients still experience pain, functional deficits persist, and up to 40 % do not return to work. Future research should focus on predictive biomarkers and personalized strategies to prevent chronicity.

Keywords: Complex regional pain syndrome, CRPS, chronic pain, mechanism-based therapy, neuromodulation, evidence

Citation: Thoma-Jennerwein S, Thoma R: Complex regional pain syndrome type I of the upper extremity. Diagnosis and evidence-based therapy
OUP 2026; 15: 79–86. DOI 10.53180/oup.2026.0079–0086

Algesiologikum, Zentrum für Schmerztherapie, München

Einleitung

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) Typ I ist durch disproportional starke Schmerzen und regionale Störungen gekennzeichnet und stellt uns vor viele Herausforderungen. Oft findet sich bei den Patientinnen und Patienten eine starke funktionelle Einschränkung und eine hohe emotionale Belastung. Obwohl seltene Fälle von spontan auftretendem CRPS bekannt sind, entwickeln sich die meisten Fälle nach einem Trauma, wie z.B. einer Operation oder einer Fraktur. 40–50 % aller CRPS-Fälle geht eine Fraktur voraus, 30–40 % folgen anderen Verletzungen. Andere Ursachen können Injektionen, Impfungen oder lokale Infekte sein. Bei 3–10 % ist kein Initialereignis abgrenzbar.

Die Inzidenz des CRPS liegt bei etwa 5–26 Fällen pro 100.000, wobei die obere Extremität doppelt so häufig betroffen ist wie die untere [8]. Frauen erkranken 2–4-mal häufiger als Männer. Der Altersgipfel liegt zwischen 40–70 Jahren. Das CRPS tritt gelegentlich auch bei Kindern auf (1–5/100.000) [22].

Die Diagnose erfolgt klinisch anhand der Budapest-Kriterien [9], die Sensibilitätsstörungen, Vasomotorikstörungen, Sudomotorik/Ödem und motorische/trophische Veränderungen miterfassen. Im ICD 11 erfolgt die Zuordnung zum chronischen primären Schmerz, nicht mehr zu den autonomen Störungen. Dies trägt der multifaktoriellen Genese Rechnung [7].

Die sozioökonomische Bedeutung des CRPS ist erheblich, da es häufig zu langfristigen Funktionseinschränkungen und Arbeitsunfähigkeit führt. Ziel dieses Beitrags ist es, eine wissenschaftlich fundierte Übersicht über die aktuelle Evidenz zur Diagnostik und Therapie des CRPS der Hand zu geben und praxisrelevante Empfehlungen für Kolleginnen und Kollegen in der ambulanten und stationären Versorgung abzuleiten.

Pathophysiologie und
Ätiologie

Die pathophysiologischen Mechanismen des CRPS sind multifaktoriell und bislang nicht vollständig verstanden. Es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel mehrerer interagierender Systeme.

Das Verständnis der Pathophysiologie von CRPS hat sich in den letzten Jahren jedoch deutlich erweitert. Charakteristisch sind regionale vasomotorische und sudomotorische Veränderungen, die durch neurogene Entzündung und abnorme autonome Aktivierung verursacht werden. Neurogene Entzündung entsteht durch die Freisetzung von Neuropeptiden wie Substanz P und CGRP aus sensorischen Nervenendigungen und führt zu Rötung, Schwellung, Überwärmung, veränderter Haar- und Nagelwachstumsrate sowie Hyperhidrose. Zusätzlich können eine gestörte autonome Aktivierung und eine veränderte Adrenozeptor-Reaktivität Temperaturregulation, Hautfarbe und Schweißproduktion beeinflussen. In der Frühphase finden sich erhöhte Konzentrationen inflammatorischer Mediatoren und aktive Neuropeptide, häufig begleitet von fleckigen Knochenveränderungen und gelegentlich minimalen Nervenfaserläsionen. Zudem wurden spezifische Mikrobiom-Signaturen sowie Autoantikörper (IgM, IgG) nachgewiesen, die in Tiermodellen CRPS-typische Symptome auslösen. Genetische Faktoren könnten eine permissive Rolle spielen.

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