Übersichtsarbeiten - OUP 02/2026

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom Typ 1 der oberen Extremität
Diagnostik und evidenzbasierte Therapie

Bei persistierendem CRPS treten oft ausgeprägte Hautsensibilitätsstörungen auf, was auf eine mögliche zentrale Sensibilisierung hinweist, deren Rolle jedoch nicht abschließend geklärt ist. Die funktionelle Beeinträchtigung und das Ausmaß der Belastung werden durch biologische, psychologische und soziale Faktoren beeinflusst. Da CRPS meist durch Trauma ausgelöst wird, können rechtliche Auseinandersetzungen zusätzlichen Stress verursachen und die Therapie erschweren. Ärztinnen und Ärzte sollten über solche Prozesse informiert sein, um die Behandlung entsprechend anzupassen [5].

Risikofaktoren für die Entstehung eines CRPS sind u.a. die Art des Traumas (offene Frakturen, Quetschverletzungen), eine hohe initiale Schmerzintensität und eine längere Immobilisation [1, 5]. Differenzialdiagnostisch müssen Nervenkompressionssyndrome, Arthritiden und andere Schmerzsyndrome abgegrenzt werden [13].

Klinische Symptomatik und Diagnostik

Die klinische Symptomatik des CRPS der Hand ist durch belastungsassoziierte oder spontane Schmerzen, Allodynie und Hyperalgesie, Schwellungen, Bewegungsstörungen, trophische Veränderungen (z.B. Hautverfärbungen) und vegetativ-motorische Störungen (z.B. Hyperhidrose) gekennzeichnet. Die Diagnose erfolgt klinisch anhand der Budapest-Kriterien, die eine Sensitivität von 99 % und eine Spezifität von 68 % aufweisen (Tab. 1) [7, 10].

In einer schmerzfokussierten Anamnese wird erfasst, wie die Erkrankung begonnen hat und wie sich der Verlauf darstellt. Ein zentraler Punkt ist die genaue Beschreibung des Schmerzes: seine Intensität, die Art (z.B. brennend oder dumpf) sowie Faktoren, die den Schmerz verstärken oder lindern.

Ebenso wichtig ist die Wahrnehmung der betroffenen Extremität durch die Patientinnen und Patienten. Sie berichten häufig über ein Fremdheitsgefühl, eine veränderte Größe oder Position des Gliedes oder sogar Gedanken, es abschneiden zu wollen. Weitere Aspekte sind Müdigkeit und die Qualität der kognitiven Funktionen, einschließlich Kurzzeitgedächtnis oder „Brain Fog“. Die medizinische Vorgeschichte wird erhoben, einschließlich bisheriger Erkrankungen und eingesetzter Medikamente gegen Schmerzen oder andere Leiden. Es wird nach weiteren chronischen Schmerzen gefragt, wie Rücken- oder Beckenschmerzen, Kopfschmerzen oder Migräne.

In der biopsychosozialen Anamnese wird das Verständnis der Patientinnen und Patienten für die Erkrankung ermittelt sowie die Auswirkungen des Schmerzes auf verschiedene Lebensbereiche wie Schlaf, Stimmung und Alltagsfunktion, sowie die mentale Reaktion auf den Schmerz, beispielsweise Sorgen oder Grübelgedanken. Ein Screening auf Angststörungen, Depressionen und Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung ist ebenfalls Bestandteil der Anamnese. Darüber hinaus wird die soziale Situation, vorhandene Unterstützung, die berufliche Vorgeschichte sowie mögliche rechtliche Aspekte im Zusammenhang mit dem auslösenden Trauma berücksichtigt.

Die im Rahmen des Valencia-Konsensus [7] erarbeiteten Anpassungen der CRPS-Diagnosekriterien betreffen vor allem die Klassifikation, die Subtypen und das diagnostische Vorgehen. In der ICD11 wird CRPS künftig nicht mehr als „fokale oder segmentale autonome Störung“ eingestuft, sondern als „chronische primäre Schmerzen“, da die Erkrankung nach aktueller Evidenz keine primär autonome Störung darstellt. Bei den Subtypen wurde klargestellt, dass die diagnostischen Zeichen von CRPS Typ II über das Gebiet einer identifizierten Nervenläsion hinausreichen müssen; CRPS Typ II wird daher nicht als neuropathischer Schmerz klassifiziert. Zusätzlich wurde die neue Kategorie „CRPS with Remission of some Features“ eingeführt, die Patientinnen und Patienten beschreibt, bei denen sich ein Teil der Symptome zurückgebildet hat, die aber nicht gesund sind. Der Begriff „CRPS-NOS“ („not otherwise specified“) bleibt ausschließlich für Fälle reserviert, die nie die vollständigen Kriterien erfüllt haben. Für die Terminologie wird „persistierend“ anstelle von „chronisch“ verwendet, um eine Dauer von mindestens 12–18 Monaten zu kennzeichnen in Abgrenzung zur Definition „chronisch“ (> 3–6 Monate).

Das diagnostische Vorgehen wurde präzisiert: Bei jeder formellen Beurteilung sollen alle in den Kriterien genannten Symptome systematisch abgefragt werden, da Zeichen und Symptome im Verlauf fluktuieren. Begriffe wie „Asymmetrie“ und „Veränderungen“ wurden konkretisiert, ebenso das Vorgehen bei unilateralen und bilateralen Fällen. Bei Verdacht auf Ausbreitung müssen die vollständigen Kriterien für jedes betroffene Glied separat angewendet werden; eine reine Schmerzausweitung ohne weitere CRPS-Merkmale gilt nicht als „spreading CRPS“. Darüber hinaus wurden standardisierte klinische Testverfahren für Hyperalgesie und verschiedene Formen der Allodynie sowie die Beurteilung von Temperatur- und Farb-Asymmetrien beschrieben. Für seltene Problemlagen, wie fehlende Symptomangabe trotz objektiver Zeichen, wird eine pragmatische Lösung nach „common sense“ empfohlen. Viele dieser Klarstellungen sind bereits in den ICD11-Text übernommen und sollen ab sofort in der klinischen Diagnostik berücksichtigt werden.

Ergänzend zur Diagnostik nach den Budapest-Kriterien können technische Untersuchungen zur Unterstützung der Diagnose durchgeführt werden. Die 3-Phasen-Skelettszintigraphie zeigt häufig einen lokal diffus erhöhten Knochenmetabolismus. Ein Temperaturunterschied von mehr als 1° C zwischen der betroffenen und der gesunden Seite gilt als weiteres diagnostisches Indiz. Die quantitativ sensorische Testung (QST) ist zwar nicht spezifisch, kann jedoch durch ein typisches Muster – insbesondere eine erniedrigte Druckschmerzschwelle – die Diagnose stützen. Bildgebende Verfahren wie die MRT sind vor allem für die Differenzialdiagnose relevant, während Röntgenaufnahmen nur bei Nachweis einer fleckförmigen distalen Osteoporose spezifisch sind. Eine Fotodokumentation wird empfohlen, da die anfänglichen klinischen Zeichen im Verlauf häufig abnehmen, während Schmerzen persistieren können, oft begleitet von Bewegungseinschränkungen.

Praxishinweis

Eine frühe Diagnosestellung ist entscheidend, um eine Chronifizierung zu vermeiden. Typische Fallstricke sind die Verwechslung mit posttraumatischen Ödemen oder Nervenkompressionssyndromen.

Therapieoptionen

Die Behandlung des CRPS sollte multimodal erfolgen. In der UK-Leitlinie von 2018 [6] werden die 4 Säulen der CRPS-Therapie beschrieben. Diese beinhalten Physio- und Ergotherapie, psychologische Interventionen, Edukation und medikamentöse bzw. invasive Therapiemaßnahmen bei therapierefraktären Verläufen [3, 8, 14, 18–20, 27, 30].

Edukation

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