Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026
Diagnostik bei patellofemoralen Beschwerden und InstabilitätenKlinische und bildgebende Entscheidungsfindung als Grundlage operativer Strategien
Erhan Basad
Zusammenfassung:
Patellofemorale Beschwerden und Instabilitäten stellen ein häufiges und klinisch relevantes Krankheitsbild dar. Die Ursache ist in der Regel multifaktoriell und umfasst knöcherne Dysplasien, ligamentäre Insuffizienzen sowie Achs- und Rotationsfehlstellungen. Eine isolierte Betrachtung einzelner Befunde führt nicht selten zu unzureichenden Therapieergebnissen.
Ziel dieses Beitrags ist die Darstellung einer strukturierten klinischen und bildgebenden Diagnostik des Femoropatellargelenks mit besonderem Fokus auf die operative Entscheidungsfindung. Dargestellt werden die wesentlichen Elemente der klinischen Untersuchung sowie die Rolle der konventionellen Radiologie, der Magnetresonanztomografie und der Torsionsdiagnostik. Die diagnostischen Befunde werden im Kontext ihrer operativen Relevanz bewertet.
Die klinische Untersuchung erlaubt eine erste funktionelle Einordnung der Instabilität. Die bildgebende Diagnostik dient der Identifikation prädisponierender Faktoren wie Trochleadysplasie, MPFL-Insuffizienz, Patellahochstand (Patella alta), Achs- und Tuberositasfehlstellungen. Erst die integrative Bewertung aller Parameter ermöglicht eine individuell angepasste operative Strategie.
Die Diagnostik patellofemoraler Instabilitäten muss ursachenorientiert und strategiegeleitet erfolgen. Isolierte operative Maßnahmen ohne vollständige Analyse der zugrunde liegenden Pathoanatomie erhöhen das Risiko für Rezidive und persistierende Beschwerden.
Schlüsselwörter:
Patellofemorales Gelenk, Patellainstabilität, Trochleadysplasie, MPFL, operative Strategie
Zitierweise:
Diagnostik bei patellofemoralen Beschwerden und Instabilitäten. Klinische und bildgebende Entscheidungsfindung als Grundlage operativer Strategien
OUP 2026; 15: 103–107
DOI 10.53180/oup.2026.0103-0107
Summary: Patellofemoral pain and instability are common clinical problems with a predominantly multifactorial etiology. Bony dysplasia, ligamentous insufficiency, and axial or rotational malalignment often coexist and contribute to instability.
This article outlines a structured clinical and imaging-based diagnostic approach to patellofemoral disorders with particular emphasis on surgical decision making. Key elements of clinical examination and the role of conventional radiography, magnetic resonance imaging, and torsional assessment are reviewed.
Clinical examination provides an initial functional assessment, whereas imaging identifies predisposing anatomical factors such as trochlear dysplasia, MPFL insufficiency, patella alta, axial malalignment, and tibial tuberosity malposition. Only a comprehensive and integrative evaluation allows an individualized surgical strategy.
Diagnostic assessment of patellofemoral instability should be pathology-driven and strategy-oriented. Isolated surgical procedures without comprehensive analysis of underlying anatomical factors are associated with inferior clinical outcomes.
Keywords: Patellofemoral joint, instability, trochlear dysplasia, MPFL, surgical strategy
Citation: Diagnostic evaluation of patellofemoral pain and instability. Clinical and imaging-based decision making as the foundation of surgical strategies
OUP 2026; 15: 103–107. DOI 10.53180/oup.2026.0103-0107
ATOS Klinik Heidelberg
Einleitung
Beschwerden und Instabilitäten des patellofemoralen Gelenks zählen zu den häufigsten Ursachen anteriorer Knieschmerzen, besonders bei jungen, aktiven Patientinnen und Patienten [17]. Während akute Patellaluxationen oft traumatisch entstehen, liegt der Mehrzahl der rezidivierenden Instabilitäten eine komplexe, multifaktorielle Pathoanatomie zugrunde. Neben ligamentären Verletzungen, insbesondere des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL), spielen knöcherne Dysplasien, Patellahöhenanomalien (z. B. Patella alta), Achs- und Rotationsfehlstellungen sowie eine Fehlposition der Tuberositas tibiae eine entscheidende Rolle [1, 2, 4].
In der klinischen Praxis besteht die Gefahr, einzelne pathologische Befunde isoliert zu bewerten und daraus operative Maßnahmen abzuleiten, ohne das Gesamtsystem des patellofemoralen Gelenks ausreichend zu berücksichtigen. Dies kann zu unzureichenden funktionellen Ergebnissen, persistierenden Beschwerden oder Rezidivinstabilitäten führen. Insbesondere die isolierte Rekonstruktion des MPFL ohne Berücksichtigung knöcherner Prädispositionsfaktoren ist ein häufiger Grund für Therapieversagen [3, 8, 16].
Ziel der Diagnostik bei patellofemoralen Beschwerden ist daher nicht nur die Beschreibung morphologischer Abweichungen, sondern deren funktionelle und operative Relevanz. Eine strukturierte klinische Untersuchung in Kombination mit einer zielgerichteten bildgebenden Diagnostik bildet die Grundlage für eine individuelle, pathoanatomisch begründete operative Strategie. Die OP-Wahl sollte auf die Korrektur der dominanten Pathologie fokussiert sein.
Klinische Diagnostik
Die Anamnese liefert häufig entscheidende Hinweise auf die zugrunde liegende Pathoanatomie. Von besonderer Bedeutung sind Art und Zeitpunkt des Erstereignisses. Eine atraumatische Erstluxation oder eine Luxation in geringer Beugestellung spricht eher für eine prädisponierende knöcherne Dysplasie, während ein adäquates Trauma auch bei ansonsten unauffälliger Anatomie zu einer isolierten MPFL-Läsion führen kann [17].
Das Alter bei der Erstluxation ist prognostisch relevant. Rezidivierende Luxationen, anhaltende Apprehension oder belastungsabhängige retropatellare Schmerzen trotz konservativer Therapie deuten auf eine strukturelle Ursache hin, die operativ adressiert werden muss. Voroperationen, insbesondere vorausgegangene MPFL-Rekonstruktionen, sind kritisch zu hinterfragen [12].
Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung beginnt mit der Inspektion im Stand und in der Bewegung [23]. Achsabweichungen, insbesondere eine Valgusstellung des Kniegelenks, sind ebenso zu erfassen wie Auffälligkeiten der Beinrotation oder des Gangbildes. Eine dynamische laterale Abweichung der Patella beim Übergang von der Streckung in die Beugung („J-Sign“) weist auf eine gestörte Patellaführung hin und ist häufig mit einer Trochleadysplasie oder einer erhöhten lateralen Zugkomponente assoziiert [1, 3].
Die Palpation erlaubt Rückschlüsse auf frühere Luxationsereignisse. Eine Druckdolenz des medialen Retinakulums oder des medialen Patellapols spricht für eine stattgehabte MPFL-Läsion [5]. Die Beurteilung der Patellamobilität erfolgt in leichter Beugestellung. Eine vermehrte laterale Verschiebbarkeit oder eine früh einsetzende Apprehension sind typische Zeichen einer patellofemoralen Instabilität [19].
Spezifische klinische Tests, wie der Apprehensiontest oder die Beurteilung der medialen und lateralen Patellagleitfähigkeit, sollten im Seitenvergleich erfolgen. Entscheidend ist jedoch die Einbettung der klinischen Befunde in das Gesamtbild der Extremität. Eine eingeschränkte Hüftaußenrotation oder eine vermehrte Hüftinnenrotation kann auf eine erhöhte femorale Antetorsion hinweisen, während eine vermehrte Pronation des Fußes die funktionelle Valgusbelastung verstärkt [14].
