Übersichtsarbeiten - OUP 06/2024
Die chronische posterolaterale InstabilitätKondensierter Überblick zu Biomechanik, Klassifikation und Therapieoptionen
Atesch Ateschrang, Vuk Tripkovic
Zusammenfassung:
Der posterolaterale Komplex (PLC) des Kniegelenkes wurde lange Zeit als „dark side of the knee“ bezeichnet. Verletzungen des PLC machen einen relevanten Anteil der Bandverletzungen des Kniegelenkes aus. Unerkannte PLC-Läsionen und Instabilitäten können unbehandelt zu Einschränkungen auf Grund chronischer komplexer Instabilitäten wie vermehrte laterale Aufklappbarkeiten sowie Rotationsinstabilitäten führen. Diese begünstigen nicht nur Meniskus- und Knorpelläsionen, sondern belasten zusätzlich Kreuzband-Ersatzplastiken, die wiederum insuffizient werden können. Daher sind möglichst gute anatomische Kenntnisse sowie die damit verbundenen biomechanischen Zusammenhänge essenziell, um eine gute Behandlungsstrategie zur Behandlung von Läsionen des PLC zu gewährleisten. Ziel dieses Artikels ist es, mit der gebotenen Kürze einen straffen Überblick zur Klassifikation und den Behandlungsoptionen zusammenzustellen.
Schlüsselwörter:
Posterolateraler Komplex (PLC), Außenband, Kniegelenk, laterales Seitenband, Rotationsinstabilität
Zitierweise:
Ateschrang A, Tripkovic V: Die chronische posterolaterale Instabilität.
Kondensierter Überblick zu Biomechanik, Klassifikation und Therapieoptionen
OUP 2024; 13: 296?299
DOI 10.53180/oup.2024.0296-0299
DOI 10.3238/oup.20XX.xxxx–xxxx
Summary: For many years the posterolateral complex (PLC) was considered as the “dark side of the knee”. Lesions of the PLC are more common than previously expected due to the increasingly performed biomechanical studies. Untreated PLC lesions lead to meniscal and chondral damages. A systematically evaluation of the instability is paramount to choose the correct treatment option and surgical technique. The aim of this article is to give a comprehensive overview of the relevant anatomical structures and their biomechanical value. Additionally the relevant classifications are summarized and based on the latter different surgical techniques to provide a treatment algorithm.
Keywords: Posterolateral complex (PLC), lateral collateral ligament, knee, rotational instability
Citation: Ateschrang A, Tripkovic V: Chronic posterolateral instability. Comprehensive review of biomechanics, classification and treatment options
OUP 2024; 13: 296?299. DOI 10.53180/oup.2024.0296-0299
Kantonsspital Aarau, Klinik für Orthopädie und Traumatologie, Aarau, Schweiz
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Ev. Stift St. Martin, Koblenz
Einleitung
Das biomechanische Verständnis konnte erst während der vergangenen 2 Jahrzehnte deutlich verbessert werden, da der komplexe anatomische Aufbau des PLC eine Differenzierung, bestehend aus dem lateralen Seitenband (LCL), der Popliteussehne (PS), dem Arcuatumcomplex (AC), dem Politeofibularen Ligament (PFL) sowie der damit verbundenen biomechanischen Kompetenzen, schwierig war. Durch intensivierte biomechanische Arbeiten wurde die Bedeutung der letztgenannten Strukturen deutlich klarer [1, 2]. Erst durch das verbesserte biomechanische Verständnis konnten die therapeutischen Möglichkeiten angepasst und optimiert werden [3, 4]. Unbehandelte Verletzungen des PLC führen zu persistierenden Instabilitäten und können durch fehlende notwendige synergistische Effekte bestehende Kreuzbandplastiken nicht schützen und begünstigen die ligamentäre Insuffizienz, da mittlerweile klar wurde, dass eine isolierte Betrachtung dieser ligamentären Kniebinnenstrukturen nicht der biomechanischen „Verletzungsrealität“ des Kniegelenkes entspricht [1–4]. Läsionen des PLC entsprechen daher mehr oder weniger ausgeprägten Kombinationsinstabilitäten mit Beteiligung des hinteren Kreuzbandes (HKB), die unbehandelt zu progredienten Kniebinnenschäden des Meniskus sowie des Knorpels führen, sodass in letzter Instanz die posttraumatische Arthrose resultiert [3, 4, 5]. Ein möglichst detailliertes Wissen über die Anatomie sowie Biomechanik des PLC ist essentiell, um durch differenzierte Untersuchungstechniken die Verletzungsschwere zu klassifizieren. Darauf aufbauend können angepasste chirurgische Rekonstruktionstechniken Anwendung finden, um verbesserte funktionelle Ergebnisse erzielen zu können [3–5].
Anatomie und biomechanische Zusammenhänge
Das PLC besteht aus dem lateralen Seitenband (LCL), der Popliteussehne (PS) sowie dem Arcuatumcomplex (AC). Im AC sind differenzierbare Fasern nachweisbar, welche die Popliteussehne umfassen und dadurch zusätzlich statisch stabilisieren. Diese Struktur wurde mittlerweile als Popliteofibulares Ligament (PFL) bezeichnet (Abb. 1).
Biomechanisch haben die erwähnten Strukturen unterschiedliche statische Stabilisierungseffekte, die nachfolgend kondensiert zusammengefasst werden [2]:
- 1. LCL: Wichtigster Stabilisator gegenüber varisierenden Kräften. Zusätzlicher Stabilisator gegenüber posterolateraler Außenrotation.
- 2. PS: Stabilisiert wenig relevant gegenüber varisierenden Kräften (untergeordnete Funktion). Allerdings wichtiger Stabilisator gegenüber posterolateraler Außenrotation.
- 3. PFL: Stabilisiert die PS und dadurch die posterolaterale Außenrotation.
Durch die posterolateral stabilisierenden Effekte haben insbesondere das LCL, die PS und das PFL einen erheblichen synergistisch stabilisierenden Effekt zum HKB.
Verletzungsmechanismus
Typische Verletzungsmechanismen stellen den Varusstress oder ein Hyperextensionstrauma dar [6, 7]. Isolierte Verletzungen des PLC könnten ggf. durch einen direkten Schlag gegen die proximale anteromediale Tibia versursacht werden [8].
Das PLC kann auch durch erhebliche Krafteinwirkungen, wie sie im Zuge einer Kniegelenksluxation auftreten, rupturieren [4]. Dabei kommt es zu erheblichen Begleitverletzungen weiterer ligamentärer Strukturen [4, 6, 7]. Bei Verkehrsunfällen wurden Läsionen des PLC verhältnismäßig häufig beobachtet [9]. Gerade Dezelerationstraumen wie dash board injuries führen gehäuft zu Begleitverletzungen des PLC. Auch der Sturz auf das flektierte Kniegelenk kann zu einer Ruptur des PLC führen, wie es bei Fußballspielern vorkommt.
Klassifikation
Eine systematische Erfassung der Verletzungsschwere ist wesentlich, um chirurgische Therapieoptionen abzuleiten. Eine sorgfältige klinische Untersuchung des Kniegelenkes ist die Basis für die Erfassung der Verletzungsfolgen und der Klassifikation. Die Anfertigung von konventionellen Röntgenaufnahmen in 2 Ebenen stellt nach wie vor die Basis der bildgebenden Diagnostik dar. Die Indikation zur MR-Tomografie sollte bei Verdacht auf Kniebinnenpathologien großzügig gestellt werden, da die individuelle klinische Untersuchungsexpertise nicht immer flächendeckend gewährleistet werden kann. In der akuten Verletzungsphase können falsch negativ stabile Kniegelenksbefunde bestehen, da durch Schmerzen eine muskuläre Gegenspannung während der Untersuchung bestehen kann.