Übersichtsarbeiten - OUP 04/2025
Kompartmentsyndrom des Fußes
Sabine Ochman, Ann-Sophie C. Weigel, Alexander Milstrey, Michael J. Raschke
Zusammenfassung:
Ein Kompartmentsyndrom des Fußes ist ein chirurgischer Notfall, meist im Rahmen von high energy-Verletzungen mit Mittelfuß- und Calcaneusfrakturen vergesellschaftet und sollte nicht übersehen werden. Die klinischen Zeichen sind variabel – Schmerzen, Schwellung, eine gespannte, glänzende Haut, im weiteren Verlauf Spannungsblasen und sensomotorische Defizite bei meist erhaltenen peripheren Pulsen.
Die klinische Diagnose kann durch eine Messung des intrakompartimentellen Druckes ergänzt werden, die Indikation zur Dermatofasziotomie sollte großzügig gestellt werden, ab 25 mmHg oder Differenz des Kompartmentdruckes > 10–30 mmHg zum diastolischen Blutdruckwert aufgrund der geringen Toleranz der kurzen Fußbinnenmuskulatur gegenüber einem erhöhten Druck. Eine frühzeitige Fasziotomie kann im Verlauf zu einer geringeren Morbidität und besserem Outcome führen. An Folgen können neurologische Defizite und Fehlstellungen auftreten.
Schlüsselwörter:
Kompartmentsyndrom, Fuß, komplexes Fußtrauma, Fasziotomie
Zitierweise:
Ochman S, Weigel A-SC , Milstrey A, Raschke MJ: Kompartmentsyndrom des Fußes
OUP 2025; 14: 146–150
DOI 10.53180/oup.2025.0146-150
Abstract: A compartment syndrome of the foot is a surgical emergency and should not be overlooked, most often associated with high-energy injuries involving midfoot and calcaneal fractures, Clinical signs are variable and include pain, swelling, tense and shiny skin, and in later stages, tense blisters and sensorimotor deficits, usually with preserved peripheral pulses. The clinical diagnosis can be supplemented by measurement of intracompartmental pressure. The indication for dermatofasciotomy should be made liberally – at pressures of 25 mmHg or a compartment pressure difference of > 10–30 mmHg compared to diastolic blood pressure – due to the low tolerance of the short intrinsic foot muscles to increased pressure. Early fasciotomy can lead to lower morbidity and better outcomes. Possible consequences of delayed treatment include neurological deficits and deformities.
Keywords: Compartment syndrome, foot, complex foot trauma, fasciotomy
Citation: Ochman S, Weigel A-SC , Milstrey A, Raschke MJ: Compartmentsyndrome of the foot
OUP 2025; 14: 146–150. DOI 10.53180/oup.2025.0146-150
Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Universitätsklinikum Münster
Einleitung
Ein Kompartmentsyndrom des Fußes ist ein chirurgischer Notfall und kann zu Folgen wie neurologische Defizite und Fehlstellungen führen. Ursächlich liegt meist ein Trauma zugrunde. In bis zu 6 % der Patientinnen und Patienten mit Fußverletzungen nach Hochrasanztrauma entwickeln ein Kompartmentsyndrom des Fußes, bei einem komplexen Fußtrauma ist die Inzidenz bis zu 50 % [1–3].
Insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit Chopart‘schen und Lisfranc‘schen Gelenkverletzungen entwickelt sich in 25 % bzw. 34 % ein Kompartmentsyndrom [4]. Crush injuries sind in 28 % mit einem Kompartmentsyndrom vergesellschaftet, Sturz aus großer Höhe sowie Verkehrsunfälle in 26 % der Fälle [5]. Bei Kalkaneusfrakturen zeigt sich ein hohes Risiko von 23 %, gefolgt von Lisfranc-Gelenksverletzungen in 21 % sowie komplexe Metatarsale-Frakturen in 18 % [5]. Nicht traumatische Ursachen sind z.B. Revaskularisationen nach akuter Extremitätenischämie oder Injektionstherapien im Bereich des Fußes [6, 7]. Auch kann es, wenn auch selten, nach körperlicher Anstrengung zu einem Fußkompartmentsyndrom kommen, was die Bedeutung einer hohen klinischen Wachsamkeit bei atypischen Pathomechanismen betont [8]. Eine epidemiologische Analyse traumatisch entstandener Kompartmentsyndrome in Deutschland zwischen 2015 und 2022 mit 13.305 Fällen konnte in 44,4 % ein Kompartmentsyndrom im Bereich der unteren Extremität sowie höhere Inzidenz bei Männern mit einer 2,3:1 Ratio feststellen. Insbesondere im Alter zwischen 22 und 23 Jahren sowie 55 Jahren kam ein Kompartmentsyndrom gehäuft vor. Insgesamt zeigte sich jedoch ein Trend zu einer geringeren Inzidenz im Laufe der Jahre [9]. Auch heute noch werden Kompartmentsyndrome des Fußes primär übersehen, typische Spätfolgen sind aufgrund der Atrophie und Fibrose der Fußbinnenmuskulatur Krallen- und Hammerzehenbildungen [10].
Im Vergleich zum Unterschenkel zeigen sich im Bereich des Fußes Unterschiede hinsichtlich der Muskelvolumina, der Dicke und Festigkeit der Faszien [11]. In Bezug auf die Anzahl der anatomischen Fußkompartimente sind unterschiedliche Angaben in der aktuellen Literatur zu finden. Anatomisch gesehen existieren bis zu 10 Kompartimente. Hiervon existieren 4 Hauptkompartimente, das mediale, das laterale, das zentrale (plantar) und das intraossäre Kompartiment. Dieses kann weiterhin in 4 intraossäre Kompartimente unterteilt werden. Das zentrale Kompartiment kann zusätzlich in ein mediozentrales und kalkaneares unterteilt werden. Das mediale Kompartiment enthält weiterhin das Abductor-Kompartiment. Ein weiteres Kompartiment stellt das dorsale Kompartiment dar. Die bekanntesten Untersuchungen zur Identifizierung und Klassifikation der Kompartimente erfolgten durch Manoli und Weber 1991 durch Injektionsuntersuchungen. Durch die Autoren wurden 9 Kompartimente beschrieben (Abb. 1, Tab. 1) [12].
Ein systematisches Review aus dem Jahr 2020 konnte 10 Studien einschließen. Einigkeit herrscht bezüglich der Anzahl der Kompartimente in der plantaren Region (3 große Kompartimente unterteilt durch das mediale und laterale intermuskuläre Septum). Uneinigkeit herrscht hinsichtlich der dorsalen Kompartimente [13]. Die 4 in der Tiefe liegenden interossären Kompartimente sowie die 2 tiefliegenden Kompartimente im Vorfuß- und Rückfußbereich sind besonders gefährdet für Einblutungen und infolgedessen Druckerhöhung [14].
Pathophysiologisch ist das Kompartmentsyndrom des Fußes analog zum Kompartmentsyndrom des Unterschenkels charakterisiert durch eine Circulus vitiosus. In einem begrenzten Raum kommt es zu einem erhöhten Druck, als Folge kommt es zu vermehrter Permeabilität der Kapillaren, venöser Stase und anaeroben Metabolismus. Weitere Faktoren u.a. sind Perfusionsstörungen, capillary leak, Endotheldysfunktion, Apoptose und Nekrose [15–17].