Übersichtsarbeiten - OUP 06/2025

Stellenwert der Synovialektomie bei entzündlich rheumatischen Erkrankungen

Christoph Biehl, Lotta Biehl, Hans-Dieter Carl

Zusammenfassung:
In Zeiten effektiver medikamentöser Therapien, insbesondere mit Biologika, wird die Rolle der Synovialektomie bei entzündlich rheumatischen Erkrankungen beleuchtet und deren Notwendigkeit hinterfragt. Trotz der Fortschritte in der medikamentösen Behandlung bleibt die operative Synovialektomie eine relevante Option, insbesondere bei refraktären Fällen und spezifischen Indikationen. Die Grundlagen der Synovialektomie, die Evidenzlage gemäß den AWMF-Leitlinien sowie klinische Entscheidungsfaktoren wie Patientenwahl und Operationszeitpunkt werden analysiert. Eine individuelle und interdisziplinäre Entscheidungsfindung ist notwendig, um die besten Behandlungsergebnisse zu erzielen. Zudem werden die Risiken und postoperativen Anforderungen hervorgehoben, die bei rheumatischen Patientinnen und Patienten höher sein können. Insgesamt ist die Synovialektomie als bewährte Methode anzusehen, die in bestimmten Situationen eine Verbesserung der Gelenkfunktion und Schmerzlinderung ermöglicht.

Schlüsselwörter:
Synovialitis, Biologika, Evidenzlage, postoperative Komplikationen, interdisziplinäre
Zusammenarbeit

Zitierweise:
Biehl C, Biehl L, Carl H-D: Stellenwert der Synovialektomie bei entzündlich rheumatischen
Erkrankungen
OUP 2025; 14: 230–233
DOI 10.53180/oup.2025.0230-0233

Summary: In an era of effective drug therapies, particularly with biologics, the role of synovectomy in inflammatory rheumatic diseases is being examined, and its necessity is being questioned. However, despite these advances, surgical synovectomy remains a relevant option, particularly for refractory cases and specific indications. This study analyses the fundamentals of synovectomy, the evidence base according to the AWMF guidelines, and clinical decision-making factors such as patient selection and the timing of surgery. Achieving the best treatment outcomes requires individualized and interdisciplinary decision-making. Additionally, the risks and postoperative requirements, which may be higher in rheumatic patients, are emphasized. Overall, synovectomy is considered a proven method that can improve joint function and relieve pain in certain situations.

Keywords: Synovitis, biologics, evidence base, postoperative complications, interdisciplinary collaboration

Citation: Biehl C, Biehl L, Carl H-D: The significance of synovectomy in inflammatory rheumatic diseases
OUP 2025; 14: 230–233. DOI 10.53180/oup.2025.0230-0233

C. Biehl: UKGM Gießen, Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Gießen

L. Biehl: Medizinische Fakultät Heidelberg, Universität Heidelberg

H.-D. Carl: Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Krankenhaus Martha-Maria St. Theresien, Nürnberg

Einleitung

Die Behandlung rheumatischer Erkrankungen erfolgt primär medikamentös mit dem Ziel, eine Remission oder zumindest eine geringe Krankheitsaktivität zu erreichen. In Zeiten e?ektiver Biologika stellt sich mancher die Frage, ob die Synovialektomie noch erforderlich ist. Die Möglichkeit einer operativen Versorgung synovialitisch betroffener Gelenke, die nicht auf eine sonst suffiziente Basistherapie ansprechen, wird von diesen Therapeutinnen und Therapeuten gerne negiert. Da bei vielen standardisierten Scores (zum Beispiel der DAS 28) nicht alle Gelenke erfasst werden, können solche „rebellischen“ Gelenke übersehen werden. Die progressiven Entzündungsprozesse führen zu einer Zellproliferation der an der Membrana synovialis beteiligten Zellen. Diese bewirken langfristig eine direkte und indirekte Zerstörung des Gelenkknorpels und Knochenschäden, was zu erheblichen Funktionseinschränkungen und Lebensqualitätseinbußen führt.

Neben den medikamentösen Therapien hat die operative Behandlung, insbesondere die Synovialektomie, vor allem bei refraktären Fällen oder bei spezifischen Indikationen ihre Berechtigung.

Der vorliegende Artikel basiert auf den aktuellen Empfehlungen der AWMF-Leitlinie zur Behandlung der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen und analysiert die Rolle und den Stellenwert der Synovialektomie in diesem Kontext.

Grundlagen der Synovialektomie

Die gelenknahe Synovialis weist
B-Synovialozyten auf, die Fibroblasten-ähnliche Eigenschaften besitzen und bei entzündlichen Veränderungen der Gelenke eine zentrale Rolle spielen. Aufgrund ihrer immunologischen Aktivität finden diese Zellen nicht nur in der rheumatologischen Erforschung, sondern auch seit einigen Jahren zunehmend in der Forschung der Früharthrose Beachtung. So konnte nachgewiesen werden, dass die sezernierten Immunkomplexe nicht nur zu einer direkten und indirekten Schädigung der Gelenke führen, sondern auch zu einer gelenknahen Osteoporose. Diese Zytokine greifen aktiv in den Knochenstoffwechsel ein. Die Aktivität einer inflammatorischen Arthritis mit einer proliferierenden Synovialis muss nicht zwangsläufig mit einer sichtbaren Verdickung der Kapsel und Ergussbildung einher gehen (Abb. 1) [4, 6]. Scheinbar unauffällige Befunde können sich der Verlaufsdiagnostik entziehen, da sie unter dem Radar des Rheumatologen bleiben. Deshalb ist eine regelmäßige Kontrolle auch der nicht über den DAS 28 erfassten Gelenke und periartikulärer Strukturen wichtig, insbesondere bei Sehnen und Bändern.

Das Ziel der Synovialektomie ist:

Entfernung der entzündlich veränderten Synovialmembran

Reduktion der entzündlichen Aktivität

Vermeidung oder Verzögerung von Gelenkzerstörung

Verbesserung der funktionellen
Situation und Schmerzreduktion

Dies kann operativ offen chirurgisch oder minimal-invasiv (arthroskopisch) erfolgen.

Die wichtigsten Indikationen einer Synovialektomie sind:

refraktäre, medikamentös nicht ausreichend kontrollierte Arthritiden

Prophylaxe oder Verlangsamung der Gelenkdestruktion

Behandlung von chronischen Synovitis, die zu Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen führt

lokale oder monogelenkige Krankheitsmanifestationen

Evidenzlage gemäß
AWMF-Leitlinie

Die verfügbare Evidenz für die Synovialektomie bei inflammatorischen Gelenkmanifestationen ist gemischt. Studien zeigen, dass bei einem entsprechenden Patientenkollektiv mit Gelenksymptomatik mit persistierender Synovitis trotz medikamentöser Therapie die Synovialektomie die Krankheitsaktivität verringert [5]. Hierbei bieten arthroskopische Verfahren den Vorteil einer geringeren Invasivität was das periartikuläre Weichteiltrauma betrifft, eine schnellere Rekonvaleszenz und ein geringeres Komplikationsrisiko. Bei monogelenkigem Befall und fehlendem ausreichenden Ansprechen durch Medikamente kann die Operation eine sinnvolle Option sein. Langzeitstudien deuten darauf hin, dass die Synovialektomie die Gelenksfunktion verbessern und das Fortschreiten der Zerstörung verlangsamen kann, insbesondere bei frühzeitig durchgeführter Operation.

Grenzen der Evidenz

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