Übersichtsarbeiten - OUP 04/2026

Anatomische Schulterprothese
Warum scheitert sie und wie lassen sich Revisionen vermeiden?

Jörn Kircher

Zusammenfassung:
Die anatomische Schultertotalendoprothese (aTSA) liefert bei korrekter Indikationsstellung exzellente klinische Ergebnisse. Dennoch stellen Lockerung der Glenoidkomponente, sekundäre Rotatorenmanschetteninsuffizienz, Instabilität, Infektion und periprothetische Frakturen weiterhin relevante Ursachen für Revisionseingriffe dar. Die Revisionsendoprothetik der Schulter ist technisch anspruchsvoll und mit höheren Komplikationsraten verbunden als Primäreingriffe. Ziel dieses praxisorientierten Übersichtsartikels ist die Darstellung der häufigsten Ursachen des Versagens anatomischer Schulterprothesen sowie evidenzbasierter Strategien zur Prävention und Behandlung. Moderne Konzepte wie CT-basierte 3D-Planung, augmentierte Glenoidimplantate, modulare Plattformsysteme und knochensparende Revisionsverfahren gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die inverse Schulterprothese hat sich insbesondere bei Rotatorenmanschetteninsuffizienz und Glenoidknochendefekten als bevorzugtes Salvage-Verfahren etabliert.

Schlüsselwörter:
Anatomische Schulterprothese, Glenoidlockerung, Revision, inverse Schulterprothese, Rotatorenmanschette, Schulterarthroplastik

Zitierweise:
Kircher Jörn: Anatomische Schulterprothese. Warum scheitert sie und wie lassen sich Revisionen vermeiden?
OUP 2026; 15: 181–187
DOI 10.53180/oup.2026.0181-0187

Summary: Anatomic total shoulder arthroplasty (aTSA) yields excellent clinical results when the indications are correctly established. Nevertheless, loosening of the glenoid component, secondary rotator cuff insufficiency, instability, infection, and periprosthetic fractures remain significant causes for revision procedures. Revision shoulder arthroplasty is technically demanding and associated with higher complication rates than primary procedures. The aim of this practice-oriented review article is to outline the most common causes of failure in anatomic shoulder prostheses, as well as evidence-based strategies for their prevention and treatment. Modern concepts—such as CT-based 3D planning, augmented glenoid implants, modular platform systems, and bone-preserving revision techniques—are gaining increasing importance. The reverse shoulder prosthesis has established itself as the preferred salvage procedure, particularly in cases of rotator cuff insufficiency and glenoid bone defects.

Keywords: Anatomic shoulder arthroplasty, glenoid loosening, revision, reverse shoulder arthroplasty, rotator cuff, shoulder arthroplasty

Citation: Kircher J: Anatomic shoulder arthroplasty. Why does it fail, and how can we avoid revision?
OUP 2026; 15: 181–187. DOI 10.53180/oup.2026.0181-0187

Orthopädische Klinik, Sektion Schulter- und Ellenbogenchirurgie, ATOS Klinik Fleetinsel Hamburg

Einleitung

Die anatomische Schultertotalendoprothese (anatomic total shoulder arthroplasty, aTSA) gilt weiterhin als Goldstandard zur Behandlung der primären Omarthrose bei intakter Rotatorenmanschette. Deutlich seltener wird sie bei sekundären Arthrosen nach Frakturen, Osteonekrosen, rheumatoider Arthritis, Instabilitätsarthrose, anderen entzündlich-inflammatorischen Erkrankungen sowie Tumoren eingesetzt [2, 34].

Verbesserte Implantatdesigns, moderne Glenoidkomponenten und eine optimierte präoperative Planung führten in den vergangenen Jahren zu signifikanten Fortschritten hinsichtlich Schmerzreduktion, Bewegungsum-fang und Implantat überleben [2, 34]. Die 10-Jahres-Über lebensrate, ein häufig verwendeter und gelenkübergreifend etablierter Indikator, liegt für anatomische Schultertotalendoprothesen bei > 92 % [14].

Parallel zur steigenden Zahl implantierter Schulterprothesen nimmt jedoch auch die Anzahl komplexer Revisionseingriffe kontinuierlich zu [3]. Insbesondere jüngere und aktivere Patienten stellen erhöhte Anforderungen an die Implantatstabilität und Langzeitfunktion. Im Gegensatz zur Primärimplantation weisen Revisionseingriffe deutlich höhere Komplikations- und Reoperationsraten auf (Abb. 1) [33].

Das Versagen der anatomischen Schulterprothese ist multifaktoriell. Zu den häufigsten Ursachen zählen:

aseptische Glenoidlockerung,

sekundäre Rotatorenmanschetteninsuffizienz,

Instabilität,

periprothetische Infektion,

Osteolyse

sowie periprothetische Frakturen [2, 34].

Während früher häufig anatomische Revisionsprothesen eingesetzt wurden, hat sich die inverse Schulterprothese (reverse total shoulder arthroplasty, RTSA) heute in vielen Situationen als bevorzugtes Salvage-Verfahren etabliert [2, 34].

Dieser praxisorientierte Übersichtsartikel analysiert die häufigsten Ursachen des Versagens primärer anatomischer Schulterprothesen und diskutiert moderne Strategien zur Komplikationsvermeidung und Revisionsplanung.

Wann scheitert die
anatomische Schulter-
prothese?

Die Definition einer „failed shoulder arthroplasty“ umfasst nicht ausschließlich die radiologische Implantatlockerung. Vielmehr resultiert das klinische Versagen häufig aus einer Kombination aus:

persistierenden Schmerzen,

Funktionseinschränkung,

Instabilität,

Infektion oder

strukturellem Implantatversagen (Tab. 1).

Besonders problematisch ist die häufig schleichende Symptomatik. Low-grade-Infektionen oder sekundäre Rotatorenmanschetteninsuffizienzen werden initial nicht selten als „normale postoperative Beschwerden“ fehlinterpretiert.

Metalback-Glenoide zeigen einen spezifischen Versagensmechanismus durch Abrieb des Polyethylens und das im zeitlichen Verlauf mögliche Auftreten einer Metallose durch das Reiben des harten Cobalt-Chrom-Kopfes gegen das weichere Metalback aus Titanlegierung (Abb. 4).

Hauptursachen des Versagens

Glenoidlockerung

Die aseptische Lockerung der Glenoidkomponente war lange Zeit die häufigste Ursache des langfristigen Versagens der aTSA. Radiologische Aufhellungslinien (radiolucent lines) und osteolytische Veränderungen treten insbesondere bei zementierten Polyethylen-Glenoiden im Langzeitverlauf häufig auf. Biomechanisch entsteht das Problem vor allem durch:

exzentrische Belastung

posterioren Glenoidverschleiß

persistierende exzessive Retroversion

unzureichende Gelenkzentrierung

Knochenzementalterung [5, 11, 35, 39].

Besonders kritisch sind Walch-B2– und B3-Glenoide mit posteriorer Subluxation des Humeruskopfes. Eine Reihe von Publikationen unterstützt die Annahme, dass eine unzureichende Korrektur der Glenoidversion zu asymmetrischen Scherkräften und beschleunigtem Polyethylenabrieb führt mit Auswirkungen auf die Standzeiten [10, 31, 44]. Andere Autorinnen und Autoren und neuere Metaanalysen hinterfragen jedoch kritisch die Notwendigkeit einer „Normalisierung“ der Glenoidversion und betonen eher den Knochenerhalt und eine vollständige Abdeckung der Implantatverankerungsfläche (Implant-Bone-Inferface) (Tab. 2) [7, 9, 18, 20, 24, 41].

Take-home Message

Eine persistierende Glenoidretroversion > 15° muss in Bezug auf die Zentrierung des Gelenkes kritisch hinterfragt werden, ggf. primär korrigiert oder augmentiert werden [10]. Wird die Deformität und die dynamische Dezentrierung unterschätzt, steigt das Risiko eines frühen Glenoidversagens erheblich.

Sekundäre Rotatorenmanschetteninsuffizienz

Die Funktion der anatomischen Schulterprothese hängt entscheidend von einer intakten Rotatorenmanschette ab. Sekundäre Defekte führen zur kranialen Migration des Humeruskopfes mit konsekutiver Instabilität und Glenoidüberlastung. Klinisch besonders relevant ist die postoperative Insuffizienz des M. subscapularis (Abb. 3) [43].

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