Übersichtsarbeiten - OUP 04/2026
Anatomische SchulterprotheseWarum scheitert sie und wie lassen sich Revisionen vermeiden?
Praktische Pearls
präoperative CT-Planung standardisieren
niedrige Schwelle zur RTSA bei grenzwertiger Rotatorenmanschette
Stem-Retention, wenn möglich
multiple mikrobiologische Proben
konsequente Glenoidrekonstruktion
Klinischer Entscheidungsalgorithmus
Beim Wiederauftreten von Beschwerden bei einliegender Schulterprothese (STEP) nach symptomfreiem Intervall ist eine gezielte und strukturierte Abklärung notwendig. Das Vorliegen einer Infektion ist immer eine Möglichkeit auch nach jahrelangem gutem Verlauf. Hier können schlummernde low-grade-Infektionen, aber auch neu aufgetretene, bspw. hämatogen gestreute akute Infekte, die Ursache sein. Das „Workup“ beim Verdacht auf das Vorliegen eines Infektes umfasst die Anamnese (Nachtschweiß, Schüttelfrost, Fieber) klinische Untersuchung (Rötung, Fisteln), Labordiagnostik (Leukozytenzahl, BSG, CRP als Basisdiagnostik) und ggf. die Probengewinnung (die Aspiration allein ist nicht vielversprechend) [13, 32].
Nach Ausschluss des Infektes ist bei zunehmendem Lebensalter das Versagen der Rotatorenmanschette der häufigste Grund, hier ist die klinische Untersuchung in Kombination mit dem Ultraschall meistens schon zielführend. MRT-Diagnostik bei einliegender STEP ist aufgrund der Artefakte und begrenzten Auflösung selten richtunggebend, das CT in der Weichteildarstellung oft limitiert.
Ausgedehnte Osteolysen und Deformitäten lassen sich im hochauflösenden CT mit 3D-Darstellung gut visualisieren und mit dem Datensatz kann ggf. auch digital die Revision geplant werden.
Abbildung 2 zeigt eine grundsätzliche Orientierung im Workflow für die Entscheidungsfindung bei versagter STEP. Die Konversion auf eine inverse Schulter-TEP ist der am häufigsten durchgeführte Revisionseingriff. Häufig sind die Fundamente der kraftübertragenden Teile bei modularen Endoprothesen fest integriert und es genügt ein Teilwechsel (humeral durch Entfernen der Kalotte und metaphysären Verbindungsteile und glenoidal durch Entfernen des PE-Liners bzw. Monoblock-PE oder Teilentfernen der PE-Komponente bei Hybrid-Implantaten). Ein solches Szenario ist bei der Indikation RM-Versagen sehr häufig. Hier haben Metalback-Glenoide einen Vorteil, da der Wechsel auf der glenoidalen Seite bei fest integrierter Basisplatte sehr einfach vonstatten geht; gemäß australischen Registerdaten gelingt dies bei > 90 % dieser Implantate (Abb. 2).
Fazit
Das Versagen der anatomischen Schulterprothese ist multifaktoriell bedingt. Die häufigsten Ursachen sind Glenoidlockerung, Rotatorenmanschetteninsuffizienz, Infektion und Instabilität.
Die inverse Schulterprothese hat die Revisionsendoprothetik grundlegend verändert und stellt heute insbesondere bei rotatorenmanschettendefizienten Situationen das bevorzugte Salvage-Verfahren dar. Dennoch bleiben Revisionsoperationen technisch anspruchsvoll und komplikationsträchtig.
Nicht-modulare lange zementierte Stiele sind mit erheblichen Problemen in der Revisionssituation verbunden. Plattformsysteme und schaftfreie Prothesen oder Kurzschaftprothesen bieten dagegen häufig sehr günstige Revisionsszenarien [1].
Entscheidend für den Langzeiterfolg sind:
präzise präoperative Planung
korrekte Glenoidimplantation
Schutz der Rotatorenmanschette
konsequente Infektionsprophylaxe sowie
knochensparende Revisionsstrategien
Moderne Technologien wie 3D-Planung, Navigation und modulare Plattformsysteme könnten die Komplikationsraten zukünftig weiter reduzieren.
Interessenkonflikte:
Beratungs- und Referententätigkeit für die Firmen Enovis und Link.
Das Literaturverzeichnis zu
diesem Beitrag finden Sie auf:
www.online-oup.de.
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Jörn Kircher
Orthopädische Klinik
Sektion Schulter- und
Ellenbogenchirurgie
ATOS Klinik Fleetinsel Hamburg &
www.schulter-ellenbogenchirurgie.hamburg
20459 Hamburg
joern.kircher@atos.de
