Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Das Polytrauma im KindesalterBesonderheiten in Diagnostik und Therapie
Jan Tilmann Vollrath, Philipp Störmann, Ingo Marzi
Zusammenfassung:
Polytraumata im Kindesalter stellen aufgrund anatomischer und physiologischer Besonderheiten eine besondere Herausforderung dar. Auch wenn die Inzidenz schwer verletzter Kinder im Vergleich zu Erwachsenen deutlich geringer ist, erfordert ihre Versorgung ein hohes Maß an interdisziplinärer Zusammenarbeit und pädiatrischer Expertise. Dieser Beitrag gibt einen praxisorientierten Überblick über die aktuellen Empfehlungen zur Versorgung kindlicher Polytraumata – vom strukturierten Schockraummanagement über die bildgebende Diagnostik bis hin zu organspezifischen Therapieansätzen bei Kopf-, Thorax-, Abdominal-, Becken-, Wirbelsäulen- und Extremitätenverletzungen. Die konsequente Umsetzung der aktuellen S2k-Leitlinie „Polytrauma im Kindesalter“ sowie die frühzeitige Einbindung spezialisierter Traumazentren tragen dabei maßgeblich zur Prognoseverbesserung bei.
Schlüsselwörter:
Polytrauma, Unfallchirurgie, schwer verletzte Patientinnen und Patienten, Kindertrauma
Zitierweise:
Vollrath JT, Störmann P, Marzi I: Das Polytrauma im Kindesalter. Besonderheiten
in Diagnostik und Therapie
OUP 2026; 15: 17–23
DOI 10.53180/oup.2026.0017-0023
Summary: Pediatric polytrauma presents a particular challenge due to distinct anatomical and physiological characteristics. Although the incidence of severely injured children is significantly lower compared to adults, their treatment requires a high degree of interdisciplinary collaboration and pediatric expertise. This article provides a practice-oriented overview of current recommendations for the management of pediatric polytrauma – from structured trauma room care and diagnostic imaging to organ-specific therapeutic strategies for head, thoracic, abdominal, pelvic, spinal, and extremity injuries. Consistent implementation of the current S2k guideline “Polytrauma in Childhood” and early involvement of specialized trauma centers are key factors in improving patient outcomes.
Keywords: Polytrauma, emergency surgery, severely injured patients, paediatric trauma
Citation: Vollrath JT, Störmann P, Marzi I: Pediatric Polytrauma. Specific aspects in diagnosis and treatment
OUP 2026; 15: 17–23. DOI 10.3238/oup.2026.0017-0023
Goethe-Universität Frankfurt, Universitätsklinikum, Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie
Hintergrund
Ein Polytrauma liegt bei einer gleichzeitig entstandenen Verletzung von zwei oder mehreren Körperregionen oder Organsystemen vor, von denen eine oder die Kombination lebensbedrohlich ist. Während diese Definition, ebenso wie die Definition eines Polytrauma als Injury Severity Score (ISS) ? 16, auch im Kindesalter gebräuchlich sind, ist die modernere „Berlin Definition“ des Polytraumas für Kinder nicht evaluiert [1]. Unfälle sind auch heute noch die Haupttodesursache für Kinder über 1 Jahr sowie eine der führenden Ursachen für Behinderungen im Kindesalter [2, 3].
Laut Daten des statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2022 rund 25.800 Kinder im Rahmen von Verkehrsunfällen verletzt, 51 davon tödlich [4]. Damit wird in Deutschland alle 20 Minuten ein Kind bei einem Verkehrsunfall verletzt oder getötet. Langfristig betrachtet verlieren dabei aber immer weniger Kinder ihr Leben im Straßenverkehr. Während in den 1950er-Jahren noch über 1000 verstorbene Kinder pro Jahr gezählt wurden, sank diese Zahl in den 1990er Jahren auf unter 500 und liegt seit 2011 bei unter 100 pro Jahr [5]. Unter 6-Jährige verunfallen am häufigsten zusammen mit den betreuenden Eltern im PKW (58 % in 2022). Mit zunehmender, selbstständiger Teilnahme am Straßenverkehr verletzen sich 6- bis 14-Jährige am häufigsten mit dem Fahrrad (42 % in 2022), gefolgt von PKW-Unfällen (28 % in 2022) und Unfällen als Fußgänger (21 % in 2022) [4]. Mit einem Anteil von 7,4 % aller schwer verletzten Patientinnen und Patienten ist das Polytrauma bei Minderjährigen selten, sodass selbst an großen Kinder-Traumazentren im Jahr nur etwa 10–15 polytraumatisierte Kinder versorgt werden [3, 6].
Die Versorgung von einfach oder mehrfach verletzten Kindern erfordert dabei spezifische Kenntnisse hinsichtlich potenzieller Verletzungsursachen und -muster sowie deren Häufigkeit und Mortalität [3]. Die Veröffentlichung einer S2k-Leitlinie „Polytraumaversorgung im Kindesalter“ im Oktober 2020 unterstreicht dabei nochmals die zentrale Erkenntnis, dass Kinder eben keine kleinen Erwachsenen sind. Eine unzureichende Einschätzung des Verletzungsmusters kann zu einer inadäquaten Versorgung führen und wird für bis zu 30 % der frühen Todesfälle verantwortlich gemacht [7]. Daher sind eine rasche und präzise Erfassung des Verletzungsmusters sowie die frühzeitige Einleitung einer differenzierten Therapie essenziell. In diesem Zusammenhang kommt dem kontinuierlichen Training des Behandlungsteams sowie der interdisziplinären Zusammenarbeit eine besondere Bedeutung zu, da die Behandlung eines polytraumatisierten Kindes immer eine besondere Herausforderung darstellt (Abb. 1).
Schockraummanagement
Der Schockraum ist beim Kind ebenso wie beim Erwachsenen das Bindeglied zwischen präklinischer und klinischer Versorgung. Dabei sollte die Behandlung in einem Traumazentrum erfolgen, das über spezielle Expertise für Kinder und eine pädiatrische Intensivstation verfügt. Internationale Studien schreiben spezialisierten Kinder-Traumazentren eine geringere Mortalität beim Polytrauma, ein besseres Überleben bei schweren SHT und weniger Organverlust bei stumpfem Abdominaltrauma zu [8–10]. In Deutschland konnte zwar kein Mortalitätsunterschied, dafür aber eine geringere Splenektomierate unter der Beteiligung von Kinderchirurginnen und -chirurgen während der Polytraumaversorgung gezeigt werden [11].
Gemäß der aktuellen Leitlinie Polytrauma im Kindesalter sollte das Basis-Schockraumteam im überregionalen Traumazentrum mit der Funktion eines Kindertraumareferenzzentrums aus mindestens 3 Ärztinnen bzw. Ärzten bestehen: aus den Bereichen Chirurgie (Traumatologie mit kindertraumatologischer Expertise oder aus der Kinderchirurgie) sowie aus der Anästhesie und der pädiatrischen Intensivmedizin. Es sollten auch Ärztinnen und Ärzte aus der Kinderradiologie oder der Radiologie mit kinderradiologischer Expertise sowie aus der Neurochirurgie mit pädiatrischer Erfahrung verfügbar sein [12].
