Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Das Polytrauma im KindesalterBesonderheiten in Diagnostik und Therapie
Frakturen und ligamentäre Instabilitäten in den Höhen C3–C7 kommen eher bei älteren Kindern vor, wobei das Durchschnittsalter bei 13 Jahren liegt. Dabei handelt es sich typischerweise um Kompressionsfrakturen des Wirbelkörpers, welche in der Regel konservativ unter Anwendung einer Philadelphia-Krawatte zur Ausheilung gebracht werden können. Das Ausmaß der Kompressionsfrakturen kann im MRT gut beurteilt werden. Eine persistierende Instabilität, neurologische Defizite oder eine zunehmende Kyphosierung stellen dabei Indikationen zur dorsalen Fusion dar, welche in der Regel mittels Zuggurtung erfolgt. Während ventrale überbrückende Spondylodesen beim Adoleszenten durchgeführt werden können, sind diese bei Kleinkindern aufgrund der resultierenden Endplattenzerstörung unzulässig. Bei den Frakturen der Brust- und Lendenwirbelsäule handelt es sich in 90 % um Kompressionsfakturen, welche meist konservativ therapiert werden können, da bei Kindern unter 12 Jahren ohne neurologische Ausfallerscheinungen und mit unverletzter Wachstumszone die Deformität im Verlauf des Wachstums ausgeglichen werden kann [3]. Kommt es zu einer Spinalkanaleinengung mit neurologischen Defiziten besteht auch beim Kind die Indikation zur Laminektomie der betroffenen Höhe und Stabilisierung mittels Fixateur interne. Grundsätzlich gelten, je ausgereifter das Skelett ist, umso eher die für Erwachsenen gültigen Versorgungsrichtlinien. Bei den Typ B- und C-Verletzungen, welche bei unter 12-Jährigen nur selten vorkommen und meist aufgrund des Unfallmechanismus mit schweren Abdominal- und Thoraxverletzungen vergesellschaftet sind, ist eine operative Therapie anzustreben. Hier gilt es jedoch die Versorgungspriorität der intrathorakalen sowie -abdominellen Verletzungen zu berücksichtigen.
Extremitäten
Extremitätenverletzungen sind nach den Schädel-Hirn-Traumen die zweithäufigste Verletzungsart beim polytraumatisierten Kind und haben maßgeblichen Einfluss auf das funktionelle Langzeit-Outcome [27]. Aufgrund der biomechanischen Besonderheiten des kindlichen Skeletts, insbesondere der höheren Elastizität und der dickeren Periostschicht, bedarf die Entstehung von Frakturen einer stärkeren Krafteinwirkung als bei Erwachsenen. Typischerweise handelt es sich um einfache diaphysäre Frakturen, während offene oder gelenkbeteiligte Frakturen eher selten sind. In der initialen Phase nach dem Trauma steht die Frakturversorgung beim Kind erst an zweiter Stelle nach Kontrolle lebensbedrohlicher zerebraler, thorakaler oder abdomineller Blutungen [3]. Sind diese kontrolliert, haben zeitkritische Extremitätenverletzungen – insbesondere offene Frakturen, Amputationsverletzungen, Gefäßläsionen und Kompartmentsyndrome – einen dringlichen Versorgungsanspruch, während alle anderen Extremitätenfrakturen geplant innerhalb von 24–48 h posttraumatisch versorgt werden können. Grundsätzlich sollte bereits in der Primärphase eine definitive, stabile Versorgung der Frakturen angestrebt werden, um spätere Eingriffe zu vermeiden. Prinzipiell gelten bei der Versorgung von Extremitätenverletzungen im Rahmen des Polytraumas die Behandlungsalgorithmen und -indikationen, die auch bei der Versorgung von Monoverletzungen zum Einsatz kommen. Diaphysäre Frakturen werden im Kindesalter bevorzugt mittels elastisch-stabiler intramedullärer Nagelung (ESIN) versorgt. Frakturen in der Epiphyse oder Metaphyse werden mit Kirschner-Drähten oder Schrauben stabilisiert. Bei ausgedehnten Weichteilverletzungen oder starker Kontamination kann die Frakturstabilisierung über einen Fixateur externe erfolgen. Eine Plattenosteosynthese diaphysärer Frakturen stellt im Wachstumsalter eine Ausnahme dar und sollte, wenn überhaupt, nur minimalinvasiv und als überbrückende Osteosynthese angewendet werden [3]. Bei älteren Kindern, für die aufgrund des Alters oder Gewichts eine Osteosynthese mittels ESIN nicht mehr in Frage kommt, erfolgt dann nach dem Prinzip des „damage control surgery“ in der Frühphase eine Stabilisierung mittels Fixateur externe und analog zum Erwachsenen ein Verfahrenswechsel auf eine interne Osteosynthese nach Stabilisierung des Allgemeinzustandes.
Interessenkonflikte:
Keine angegeben.
Das Literaturverzeichnis zu
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www.online-oup.de.
Korrespondenzadresse
Priv. Doz. Dr. med. habil.
Jan Tilmann Vollrath
Klinik für Unfallchirurgie und
Orthopädie
Universitätsmedizin Frankfurt
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt am Main
tilmann.vollrath@unimedizin-ffm.de
