Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Das Polytrauma im Kindesalter
Besonderheiten in Diagnostik und Therapie

Die Schockraumversorgung polytraumatisierter Kinder erfolgt in Anlehnung an das für Erwachsene entwickelte Advanced-Trauma-Life-Support-Konzept (ATLS). Der Traumaleader führt die klinische Untersuchung sowie etwaige erforderliche chirurgische Sofortmaßnahmen (Thoraxdrainage, Blutstillung, Frakturreposition) durch, während Anästhesie und Pädiatrie für Beatmung, Monitoring sowie Blutentnahmen und Volumenersatztherapie zuständig sind. Diese Maßnahmen müssen hierbei an das Alter und Größe des Kindes angepasst werden. Bereits vorbereitete Tabellen zur z.B. gewichtsadaptierten Medikamentengabe können dabei die Sicherheit signifikant erhöhen. Neben einer dezidierten körperlichen Untersuchung sollte, analog zur Primäruntersuchung des Erwachsenen, insbesondere beim Kind eine Sonografie des Abdomens und des Thorax in der sog. FAST/eFAST-Technik („(extended) focused assessment with sonography in trauma“) durchgeführt werden. Hier muss jedoch beachtet werden, dass gerade beim Kind das Fehlen freier intraperitonealer Flüssigkeit eine Organläsion nicht ausschließt und ein Großteil der Kinder mit Hämoperitoneum nicht zwingend operiert werden müssen [3, 13]. Nativradiologisch werden bei entsprechendem Verletzungsmuster eine Thorax- und Beckenaufnahme durchgeführt, wobei dies bei kleinen Kindern auf einer Platte erfolgen kann. Bei Säuglingen < 1 Jahr mit Schädel-Hirn-Trauma kann eine transfontanelläre und transtemporale Schädelsonografie durchgeführt werden, wobei eine Verzögerung des weiteren diagnostischen Ablaufs unterbleiben muss. Der Einsatz der CT-Untersuchung (Traumaspirale) muss beim Kind differenzierter erfolgen. Der Unfallmechanismus sollte nach Möglichkeit genau evaluiert werden und die radiologische Diagnostik an das Traumageschehen und Verletzungsmuster adaptiert werden [3]. Bei wachem Kind ohne Schockgeschehen kann ggf. auf eine Traumaspirale verzichtet werden sofern die sonografische und klinische Untersuchung sicher schwerwiegende Verletzungen ausschließen können und eine anschließende situationsadäquate Überwachung der Patientinnen und Patienten gewährleistet werden kann [14]. Bei adäquatem Verletzungsmechanismus und Bewusstlosigkeit muss sich jedoch, wie beim Erwachsenen, eine Traumaspirale anschließen [14]. Tabelle 1 zeigt definierte Kriterien für die Indikation einer Traumaspirale bei Kindern. Essenziell ist dabei eine Reduktion der Strahlenbelastung durch Anwendung von Kinderprotokollen mit Berücksichtigung von Körpergröße und -gewicht. Sofern Sequenzen mit kurzer Akquisitionszeit verwendet werden können, kann eine MRT-Diagnostik für spezielle Fragestellungen auch in der Notfalldiagnostik in Einzelfällen berücksichtigt werden, wobei dieses Verfahren zur flächendeckenden Diagnostik im Rahmen der Schockraumbehandlung nicht geeignet ist. Die Einordnung der Verletzungsschwere kann mit Hilfe von Traumascores erfolgen, wobei der Injury Severity Score (ISS) sowohl beim Erwachsenen als auch beim polytraumatisierten Kind gleich aussagekräftig ist (Tab. 1) [3, 15].

Schädel-Hirn-Trauma

Das Schädel-Hirn-Trauma (SHT) stellt die häufigste unfallbedingte Todesursache im Kindesalter dar und findet sich mit 71,1 % am häufigsten in der Gruppe der 0–5-Jährigen [6]. Dabei ist zu berücksichtigen, dass insbesondere bei kleinen Kindern initial als inadäquat erscheinende Unfallmechanismen (in 19,8 % ein Sturz aus < 3 m) zu schweren Verletzungen führen können [6]. Durch die noch verhältnismäßig schwache Nackenmuskulatur und ein ungünstiges Kopf-Körper-Verhältnis (großer kindlicher Kopf) gepaart mit noch nicht ausgebildeten Schutzmechanismen, besteht eine Gefahr für schwere Schädel-Hirn-Traumata. Aufgrund einer, verglichen mit Erwachsenen, deutlich dünneren Schädeldecke bietet diese weniger Schutz für das Gehirn, was das Auftreten von Schädelimpressionsfrakturen begünstigt und die Wahrscheinlichkeit primärer intrazerebraler Blutungen erhöht. Dabei dominieren bei Säuglingen und Kleinkindern subdurale Hämatome. Aufgrund der noch nicht ausgereiften Blut-Hirn-Schranke neigt das kindliche Gehirn zur Ödembildung, sodass in bis zu einem Drittel der Fälle mit der Ausbildung diffuser Hirnödeme als sekundärer Schädigung zu rechnen ist [16]. Dabei spielen die Hypoxie im Rahmen einer respiratorischen Insuffizienz sowie eine arterielle Hypotonie im Rahmen eins hämorrhagischen Schocks eine wichtige Rolle bei der Entwicklung eines Hirnödems und sind möglichst zu vermeiden. Zur Vermeidung eines hypoxischen Hirnödems und zur Minderung des Ödemrisikos besteht nach sorgfältiger Risiko-Nutzen-Analyse grundsätzlich die Indikation zur frühen Intubation [12, 14]. Bei Kindern mit unauffälligem Glasgow Coma Scale (GCS) 15 und unauffälligem neurologischen Befund kann zunächst auf eine radiologische Diagnostik verzichtet werden, nicht jedoch bei einem GCS < 14. Bei Kindern, die intubiert in die Klinik eingeliefert werden, ist eine craniale Computertomografie (cCT), insbesondere wenn vom Notarzt vor Intubation eine Vigilanzminderung festgestellt wurde, im Rahmen der Primärdiagnostik obligat. Zeigt sich hier eine raumfordernde intrakranielle Blutung (akutes subdurales oder epidurales Hämatom, große Kontusionsblutung) oder eine raumfordernde Impressionsfraktur, ergibt sich eine absolute und dringliche OP-Indikation [12]. Neben dem cCT-Befund ist der klinische Befund entscheidend für die Indikationsstellung und zeitliche Dringlichkeit, mit der die operative Versorgung erfolgen muss. Insgesamt ist die Indikation zur operativen Entlastung großzügiger zu stellen als beim Erwachsenen, da die Kompression von relevanten Arealen ab der dritten Stunde zu einer deutlichen Verschlechterung des Outcomes führt [17, 18]. Bei Kindern mit geschlossenen Fontanellen und Vorliegen eines SHT oder einem GCS < 9 ist die Anlage einer Hirndrucksonde empfehlenswert, um die häufig auftretende sekundäre Hirnschwellung frühzeitig zu erkennen [19]. Aufgrund des im Kindesalter erhöhten Ödemrisikos ist ein intensives Neuromonitoring inklusive aggressiver Hirndrucktherapie erforderlich. Insgesamt verfügen Kinder über eine ausgeprägte Regenerationsfähigkeit, wodurch selbst bei zunächst ungünstig erscheinender Prognose eine frühzeitige und gezielte Therapie zu einem zufriedenstellenden neurologischen Behandlungsergebnis führen kann (Abb. 2) [12].

Thoraxtrauma

Thorakale Verletzungen sind beim polytraumatisierten Kind zwar seltener als im Erwachsenenalter, jedoch stellen sie nach dem Schädel-Hirn-Trauma eine klinisch relevante Verletzung mit prognostischer Bedeutung dar. Das Thoraxtrauma gilt als prädiktiver Faktor für den Verlauf und nimmt somit bereits in der Erstversorgung eine zentrale Rolle bei der Behandlung schwer verletzter Kinder ein [20]. Die Besonderheiten des kindlichen Thorax ergeben sich primär aus seiner erhöhten Elastizität und Compliance. Dadurch werden einwirkende Kräfte weniger durch den Brustkorb selbst absorbiert, sondern vielmehr auf intrathorakale Strukturen übertragen. In der Folge entstehen Lungenkontusionen, Pneumothoraces, Hämatothoraces sowie Parenchymschäden, deren Häufigkeit in der Literatur zwischen 15 und 55 % variiert [20]. Rippenfrakturen sind hingegen eine Seltenheit und deuten in der Regel auf eine schwere Thoraxverletzung hin. Ein äußerlich unauffälliger, klinisch stabiler Thorax schließt schwerwiegende intrathorakale Verletzungen aber keinesfalls aus. Die Beurteilung sollte sich daher auf eine sorgfältige Auskultation, Vitalparameter und eine gezielte bildgebende Diagnostik stützen. Pneumothoraces und Hämatothoraces werden primär durch Anlage einer Thoraxdrainage behandelt. Operative Maßnahmen sind beim kindlichen Thoraxtrauma nur selten erforderlich. Indikationen hierfür bestehen bei persistierenden, hämodynamisch relevanten Blutungen über die Thoraxdrainage, bei penetrierenden Verletzungen mit intrathorakalem Fremdkörper, bei Perikardtamponade oder bei tracheobronchialen Verletzungen, sofern diese nicht suffizient durch einen Tubus abgedichtet werden können und zu einem persistierenden, klinisch nicht tolerablen Luftleck führen. Im Vordergrund der stationären Therapie steht das Management der Lungenkontusion und der daraus resultierenden respiratorischen Insuffizienz. Hierbei sind insbesondere der Oxygenierungsindex und Blutgasanalyse relevante Verlaufsparameter. Aufgrund eines Pneumonierisikos von bis zu 30 % nach schwerer Lungenkontusion ist eine frühzeitige antibiotische Therapie indiziert. Eine kinetische Therapie mittels Rotorest-Bett, wie sie beim Erwachsenen teils Anwendung findet, ist im Kindesalter nicht etabliert.

Abdominaltrauma

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