Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Das Polytrauma im Kindesalter
Besonderheiten in Diagnostik und Therapie

Verglichen mit Erwachsenen sind Kinder aufgrund anatomischer Besonderheiten deutlich anfälliger für intraabdominelle Verletzungen. Die kindlichen Oberbauchorgane, insbesondere Leber und Milz, sind relativ größer, liegen enger beieinander und sind infolge eines tiefer stehenden Zwerchfells sowie eines elastischen Brustkorbs und der noch nicht gut ausgebildeten Bauchmuskulatur nicht gut geschützt. Folglich können daher bereits geringgradige Krafteinwirkungen zu relevanten Verletzungen führen. Die Milz ist dabei am häufigsten verletzt, gefolgt von Leber und Niere, welche zusammen insgesamt ca. 90 % der intraabdominellen Organverletzungen ausmachen [12]. Ein zentrales diagnostisches Instrument stellt die FAST-Sonografie dar. Bei Nachweis freier intraabdomineller Flüssigkeit und gleichzeitig persistierend instabilen Kreislaufverhältnissen trotz adäquater Volumen- und Transfusionstherapie ist von einer vital bedrohlichen Blutung auszugehen. In diesem Fall muss auf weiterführende CT-Diagnostik verzichtet und unmittelbar eine notfallmäßige Laparotomie durchgeführt werden [3]. Zu beachten ist, dass ein Blutdruckabfall bei Kindern im Rahmen eines Volumenmangelschocks erst spät eintritt und die Blutung schon weit fortgeschritten ist. Eine Tachykardie, periphere Vasokonstriktion oder beginnende Somnolenz sollten bereits als Indikatoren einer drohenden hämodynamischen Dekompensation gewertet werden. Das therapeutische Ziel bei Leber- und Milzverletzungen ist der Organerhalt. Bei nicht stillbarer parenchymatöser Blutung der Leber wird nach dem Prinzip des „Damage Control Surgery“ ein perihepatisches Packing bzw. bei nicht stillbarer Blutung der Milz eine Splenektomie durchgeführt [16, 21]. Die definitive Versorgung verletzter Lebergefäße oder Gallengänge erfolgt erst nach Kreislaufstabilisierung und Gerinnungsoptimierung. Sind die Kreislaufverhältnisse stabil oder durch adäquate Therapie stabilisierbar, kann auch bei freier Flüssigkeit oder höhergradigen parenchymatösen Verletzungen von Leber, Milz oder Nierenparenchym eine konservative Therapie erfolgen. Im Folgenden muss eine intensivmedizinische Überwachung mit engmaschigen klinischen, sonografischen und laborchemischen Kontrollen sowie ständiger operativer Bereitschaft gewährleistet sein. Bei einem Transfusionsbedarf von 25
ml Erythrozytenkonzentrat/kgKG/2h oder 40 ml Erythrozytenkonzentrat/kgKG/24h sollte die Laparotomie/Thorakotomie erwogen werden [12]. Überhastete Entscheidungen zu Organentfernung vor allem der Milz oder Nieren sollen unterbleiben, da gezeigt werden konnte dass bis zu 98 % der Fälle mit Milzläsionen konservativ behandelt werden können [12]. Die Indikation zur operativen Versorgung einer parenchymatösen Verletzung sollte deshalb vom hämodynamischen Zustand und nicht von der Klassifizierung der Verletzung abhängig gemacht werden [12]. Hohlorganverletzungen sind bei stumpfem Trauma, besonders bei primär konservativer Therapie schwer zu erkennen. Primär diagnostizierte Darmläsionen lassen sich durch Naht oder Segmentresektion meist suffizient versorgen. Bei ausgeprägter Kontamination oder bei Rektumverletzungen (z.B. infolge einer Pfählungsverletzung) ist ein zweizeitiges Vorgehen mit passagerem Anus praeter erforderlich. Zwerchfellrupturen sind selten, können initial jedoch leicht übersehen werden. Besteht in der CT der Verdacht auf eine solche Verletzung, ist eine frühzeitige operative Versorgung angezeigt. Aufgrund häufig assoziierter intraabdomineller Begleitverletzungen erfolgt der operative Zugang über eine Laparotomie [3]. Wurde zu Gunsten einer notfallmäßigen Laparotomie die initiale Schockraumdiagnostik unterbrochen, ist diese nach erfolgter Stabilisierung unbedingt zu komplettieren, da sich nur so die gesamte Verletzungsschwere erfassen und eine adäquate Weiterbehandlung sicherstellen lässt.

Becken

Beckenverletzungen setzen aufgrund der noch elastischen Ileosakralgelenke und Symphyse in der Regel eine erhebliche Gewalteinwirkung voraus und sind daher häufig mit einer Begleitverletzung verbunden. Klinische Zeichen einer Beckenfraktur können ein rektal tastbares Hämatom oder Knochenkante (Earle-Zeichen), eine Verringerung des Abstandes von Trochanter major und Schambeinhöcker im Vergleich zur Gegenseite bei lateralen Kompressionsfrakturen (Roux-Zeichen) oder oberflächliche inguinale oder skrotale Hämatome (Destot-Zeichen) sein. Der überwiegende Anteil der Beckenfrakturen im Kindesalter ist dabei stabil und kann konservativ behandelt werden.

Die Einteilung erfolgt wie beim Erwachsenen anhand der AO-Klassifikation. Eine operative Versorgung erfolgt bei instabilen Typ B- und C-Verletzungen, wobei die vorliegenden Begleitverletzungen das operative Vorgehen und den Zugangsweg mitbestimmen. Die operative Versorgung der Beckenfrakturen erfolgt in der Regel durch geschlossene Reposition und Anlage eines supraazetabulären Fixateur externe, der, im Gegensatz zur Versorgung beim Erwachsenen, im Kindesalter auch als definitives Verfahren anzusehen ist sowie seltener durch eine Osteosynthese mit größenangepassten Platten. Beim Auftreten von Blutungskomplikationen erfolgt analog zur Versorgung beim Erwachsenen, die Primärstabilisierung im Fixateur externe zur Blutungskontrolle sowie bei arterieller Blutung eine Angiografie mit Embolisation. Für die notfallmäßige Anlage einer Beckenzwinge besteht nahezu keine Indikation, hier sind konservative Maßnahmen wie das Wickeln der Beine in Innenrotation oder die Anlage eines Beckengurtes in der Regel ausreichend (Abb. 3) [22].

Wirbelsäule

Verletzungen der Wirbelsäule sind im Kindesalter selten und machen nur 1–4 % der Verletzungen aus, wobei der Anteil beim polytraumatisierten Kind mit 8–30 % relevant erhöht ist. Die Einteilung erfolgt wie beim Erwachsenen nach der AO-Klassifikation in A-, B- und C-Frakturen. Der überwiegende Anteil sind stabile A-Verletzungen, welche konservativ therapiert werden können und zum Teil nur mittels MRT nachweisbar sind. Dahingegen wurde bei Flektions- und Distraktionsverletzungen (Typ B) sowie bei Rotations- und Translationsverletzungen (Typ C) der Anteil neurologischer Komplikationen mit 20–30 % höher als bei Erwachsenen beschrieben [23].

Der Anteil der Kinder mit Wirbelsäulentrauma und gleichzeitigen neurologischen Verschlechterungen liegt in der Literatur zwischen 2,5 und 35 %, wobei die Prognose neurologischer Defizite nach thorakolumbalen Frakturen als gut angesehen wird. So erfahren bis zu 90 % eine Besserung der Symptome und bei vollständiger Querschnittslähmung immerhin noch 20 % [24, 25]. Begünstigt durch die weiche paravertebrale Muskulatur, den großen Kopf, die horizontal orientierten Facettengelenke sowie den noch nachgiebigen Bandapparat, ist der Verletzungsschwerpunkt bei Kindern unter 12 Jahren die obere Halswirbelsäule (C0–C2). Atlanto-okzipitale Dislokationen sind dabei meistens mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma vergesellschaftet und gehen mit einer schlechten Prognose und bleibenden neurologischen Defiziten einher. Die Kinder sind dabei oft bereits am Unfallort reanimationspflichtig. Sollten die Kinder das initiale Trauma überleben, ist üblicherweise eine sofortige operative Reposition mit kurzstreckiger dorsaler Stabilisierung indiziert. Des Weiteren kann es zu atlanto-axialen Dislokationen, Densfrakturen (meist Salter-Harris Typ I-Frakturen) und ligamentären Instabilitäten im Segment C2/C3 kommen, wobei die operative Therapie meist mittels geschlossener Reposition und Anlage eines Halo-Fixateurs erfolgt [26].

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