Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Diagnostik und Therapie von Verletzungen des Sprunggelenkes im Kindes- und Jugendalter
Dorien Schneidmüller
Zusammenfassung:
In den Notaufnahmen und Praxen werden wir häufig mit Verletzungen des Sprunggelenks bei Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Häufig sind sie Folge von Sport- und Freizeitunfällen. Zur Differenzierung von „einfachen“ Distorsionen von strukturellen Verletzungen eignet sich die Ottawa-Ankle-Rule. Primäre bildgebende Diagnostik ist das konventionelle Röntgenbild in
2 Ebenen. Bei gelenkbeteiligten Frakturen, v.a. den sog. Übergangsfrakturen im Adoleszentenalter kann eine Schnittbildgebung zur Beurteilung des Dislokationsausmaßes und der präoperativen Planung hilfreich sein. Nicht dislozierte Frakturen können konservativ therapiert werden. Gelenkstufen und Dehiszenzen sollten nicht belassen werden und eine anatomische Gelenkrekonstruktion mit stabiler Kompressionsosteosynthese durchgeführt werden. Belassene Fehlstellungen können zu Achsabweichungen oder intraartikulären Inkongruenzen führen, mit nachfolgenden Funktionseinschränkungen und Beschwerden. Die Hauptkomplikation stellt die hemmende Wachstumsstörung dar mit konsekutiver Varusfehlstellung des Sprunggelenks.
Schlüsselwörter:
OSG, Frakturen, Kinder, Jugendliche, Übergangsfraktur
Zitierweise:
Schneidmüller D: Diagnostik und Therapie von Verletzungen des Sprunggelenkes
im Kindes- und Jugendalter
OUP 2026; 15: 03–07
DOI 10.53180/oup.2026.0003-0007
Summary: In the emergency rooms and medical practices, we are frequently confronted with ankle injuries in children and adolescents. They are often the result of sports and recreational accidents. The Ottawa Ankle Rule is suitable for differentiating “simple” sprains from structural injuries. The primary diagnostic imaging method is the conventional X-ray in two planes. For fractures involving the joint, especially the so-called transitional fractures of adolescent age, sectional imaging can be helpful for assessing the extent of dislocation and preoperative planning. Non-displaced fractures can be treated conservatively. Joint steps and dehiscence should not be left in place and an anatomical joint reconstruction with stable compression osteosynthesis should be performed. Malposition that are left in place can lead to axial deviations or intra-articular incongruities, with subsequent functional restrictions and pain. The main complication is physeal growth arrest with consecutive varus malalignment of the ankle joint.
Keywords: Ankle, fracture, pediatric, adolescents, transitional fracture
Citation: Schneidmüller D: Diagnosis and treatment of ankle injuries in children and adolescents
OUP 2026; 15: 03–07. DOI 10.3238/oup.2026.0003-0007
BGU Murnau, Kinderorthopädie und Kindertraumatologie
Epidemiologie
Sprunggelenksverletzungen gehören zu den häufigsten Verletzungen auch bei Kindern und Jugendlichen im klinischen Alltag. Die Inzidenzen steigen, je jünger die Patientin bzw. der Patient ist. So liegt die durchschnittliche Inzidenz bei Kindern bei 2.85/1000 im Vergleich zu den Adoleszenten 1.94/1000, respektive Erwachsenen 0.72/1000 [5]. Bei unauffälligem radiologischem Befund wurde in der Vergangenheit häufig die Diagnose einer undislozierten Salter- und Harris I-Verletzung der distalen Fibula gestellt. Mit zunehmender Anwendung der Magnetresonanztomografie (MRT) sinkt die Inzidenz auf Werte nahe 0 %. Dagegen zeigt sich in ca. zwei Drittel der Fälle eine Avulsionsverletzung des Seitenbandapparates [11].
Neben den Bandverletzungen liegt der Anteil an Frakturen der langen Röhrenknochen im Bereich des Sprunggelenks bei 9 % [8]. Damit gehören die Frakturen des distalen Unterschenkels zu den häufigsten knöchernen Verletzungen der unteren Extremität im Wachstumsalter. Etwa 11 % sind sog. Übergangsfrakturen, also Frakturen bei bereits begonnenem Verschluss der Wachstumsfugen.
Klassifikation
Das Frakturmuster ist im Wachstumsalter stereotyp und im Wesentlichen abhängig vom Reifezustand der Fuge als weniger vom Verletzungsmechanismus. Unterschieden wird zwischen Frakturen mit offenen Wachstumsfugen und denen im Adoleszentenalter mit bereits teilweisem Fugenschluss.
Die am häufigsten verwendete Klassifikation bei noch offenen Fugen sind die Klassifikationen nach Salter und Harris oder Aitken [12]. Hier wird zwischen den metaphysären Verletzungen, den Fugenlösungen mit oder ohne metaphysärer Fraktur (Salter und Harris I/Aitken 0 und Salter und Harris II/Aitken I) und den Gelenkfrakturen ohne metaphysärer Beteiligung (Salter und Harris III/Aitken II) und mit metaphysärer Fraktur (Salter und Harris IV/Aitken III) unterschieden (Abb. 1).
Ab einem Alter von ca. 12 Jahren kommt es zu einem langsamen Verschluss der Wachstumsfuge über einen Zeitraum von etwa 18 Monaten. Dies führt zu einer Veränderung des Frakturverlaufes und damit zur sog. Übergangsfraktur [10, 17]. Die Wachstumsfuge verschließt sich stereotyp, beginnend von medial, über dorsal und zum Schluss anterolateral. Die Fraktur entsteht an der jeweiligen Mineralisationszone der Fuge, sodass je nach Reifezustand ein mehr oder weniger großes anterolaterales epiphysäres Fragment entsteht. Liegt lediglich diese anterolaterale epiphysäre Fraktur vor, entsprechend einer knöchernen Avulsion der vorderen Syndesmose, so spricht man von der sog. Two-plane-Fraktur. Zusätzliche Torsionskräfte können entsprechend einer hinteren Volkmann-Dreiecks zu einer zusätzlichen dorsalen Fraktur führen, der sog. Tri-plane-Fraktur. Bei der Tri-plane I-Fraktur liegt ein dorsaler metaphysärer Keil vor, der in der Wachstumsfuge endet. In der sagittalen Ebene erscheint das Bild einer Fugenlösung, im coronaren Bild ist jedoch die Gelenkbeteiligung sichtbar. Bei der Tri-plane-II-Fraktur liegt neben dem anterolateralen epiphysären Fragment ein epi-metaphysäres dorsales Fragment vor.
Darauf basierend bietet sich v.a. zu Dokumentationszwecken und wissenschaftlichen Untersuchungen die Verwendung der AO-Klassifikation [6, 14] für lange Röhrenknochen im Kindesalter an.
Die Fibula zeigt sich meist im distalen Schaftbereich frakturiert. Dies stellt jedoch keine Weber C-Fraktur des Erwachsenen dar, da im Gegensatz dazu die Syndesmose intakt bleibt. Frakturen in Fugennähe sind selten, meist handelt es sich um undislozierte oder wenig dislozierte Salter- und Harris II-Verletzungen. Ansonsten finden wir nach Distorsionstraumata häufig osteochondrale Avulsionsverletzungen des Außenbandapparates, welche vom Os subfibulare abzugrenzen sind [9].
