Übersichtsarbeiten - OUP 04/2026

Die gescheiterte Rotatorenmanschettennaht
Ursachen und Revisionsstrategien

Peter Rab, Sebastian Siebenlist, Lucca Lacheta

Zusammenfassung:
Die Reruptur nach Rotatorenmanschettenrekonstruktion stellt trotz kontinuierlicher technischer Weiterentwicklung eine anhaltende klinische Herausforderung dar. Die Rerupturraten variieren erheblich in Abhängigkeit von der initialen Rupturgröße und werden durch ein komplexes Zusammenspiel patienteneigener sowie chirurgischer Risikofaktoren beeinflusst. Zu den wesentlichen patientenseitigen Faktoren zählen Rupturgröße, Sehnenretraktion (Patte III), fettige Infiltration (Goutallier ? 2), ein Critical Shoulder Angle > 38°, ein erniedrigter akromiohumeraler Abstand (AHA < 7 mm), Alter über 70 Jahren, Osteoporose, Adipositas sowie Diabetes mellitus. Chirurgisch beeinflussbare Ursachen umfassen kortikosteroidhaltige Vorinfiltrationen, inadäquate Fixationstechnik sowie eine zu hohe Nahttension mit medialer Sehnendurchstechung, die über lokale Hypovaskularität zum sogenannten „Medial Cuff Failure“ führen kann. Diese Faktoren sollten die präoperative Aufklärung und Indikationsstellung leiten. Bei radiologisch gesicherter Reruptur ist eine differenzierte klinische Bewertung obligat, da der Befund nicht zwingend mit dem funktionellen Ergebnis korreliert. Prognostisch günstige Faktoren für ein konservatives Vorgehen sind eine begrenzte anteroposteriore Ausdehnung bei erhaltenem „Rotator-Cable“ und AHA. Ein positives Drop-Sign, eine ausgedehnte Ruptur mit Subscapularis- und Infraspinatusbeteiligung sowie ein erniedrigter AHA sprechen hingegen für die chirurgische Revision. Die Revisionsnaht erfordert aufgrund von Vernarbungen, Retraktion und herabgesetzter Gewebequalität eine sorgfältige Sehnenmobilisation mit subakromialem und intrakapsulären Release. Biologische Augmentationsverfahren wie Knochenmarkstimulation, Knochenmarkaspiratkonzentrat (BMAC), bioinduktive Kollagenpatches sowie medikamentöse Ansätze zeigen bislang keine konsistente Überlegenheit in der Revisionssituation. Bei nicht rekonstruierbarer Ruptur orientiert sich die Wahl des Verfahrens an Rupturlokalisation, Patientenalter und funktionellem Anspruch. Ein Ballonspacer kann sich bei erhaltener Elevation ohne relevante Omarthrose in selektiven Fällen eignen. Die superiore Kapselrekonstruktion (SCR) zeigt mit Autograft akzeptable Ergebnisse, während Allografts deutlich höhere Versagensraten aufweisen. Der Lower-Trapezius-Transfer bietet gegenüber dem Latissimus-dorsi-Transfer biomechanische Vorteile bei posterosuperiorer Insuffizienz. Bei irreparabler Subscapularisruptur stehen der Pectoralis-major- sowie der anteriore Latissimus-dorsi-Transfer zur Verfügung. Sind gelenkerhaltende Optionen erschöpft, ist die inverse Schulterprothese mit Überlebensraten > 90 % nach 10 Jahren eine zuverlässige chirurgische Lösung.

Schlüsselwörter:
Rotatorenmanschette, Reruptur, Revisionsnaht, Partial Repair, Muskelsehnentransfer, inverse Schulterprothese, Risikofaktoren, biologische Augmentation

Zitierweise:
Rab P, Siebenlist S, Lacheta L: Die gescheiterte Rotatorenmanschettennaht. Ursachen und Revisionsstrategien
OUP 2026; 15: 169–174
DOI 10.53180/oup.2026.0169-0174

Abstract: Re-tear following rotator cuff reconstruction remains a clinically relevant challenge despite ongoing advances in surgical technique and implant designs. Re-tear rates vary substantially based on initial tear size and are incluenced by a complex interplay of patient-related and surgical risk factors. Key patient-related factors include tear size, tendon retraction (Patte III), fatty infiltration (Goutallier ? 2), critical shoulder angle > 38°, reduced acromiohumeral distance (AHD < 7 mm), age over 70 years, osteoporosis, obesity, and diabetes mellitus. Surgically modifiable contributors encompass prior corticosteroid injections, inadequate fixation technique, and excessive suture tension with medial tendon penetration, which may lead to local hypovascularity and medial cuff failure. These factors should guide preoperative counselling and surgical decision-making. When re-tear is confirmed radiologically, comprehensive clinical assessment is mandatory, as imaging findings do not uniformly correlate with functional outcome. Favourable prognostic factors for conservative management include limited anteroposterior extension with an intact rotator cable and preserved AHD. Conversely, a positive drop sign, extensive tear involving the subscapularis and infraspinatus, and a lowered AHD support revision surgery. Revision repair demands meticulous tendon mobilisation with subacromial and intracapsular release due to scarring, retraction, and diminished tissue quality. Biological augmentation strategies including bone marrow stimulation, bone marrow aspirate concentrate (BMAC), bioinductive collagen patches, and pharmacological approaches have not demonstrated consistent superiority in the revision setting. For irreparable tears, procedure selection depends on tear location, patient age, and functional demands. Balloon spacers can be suitable in selected cases when elevation is preserved without significant glenohumeral arthritis. Superior capsular reconstruction (SCR) yields acceptable results with autograft, whereas allograft demonstrates substantially higher failure rates. The lower trapezius transfer offers biomechanical advantages over the latissimus dorsi transfer for posterosuperior insufficiency. For irreparable subscapularis tears, pectoralis major transfer and anterior latissimus dorsi transfer are available options. When joint-preserving strategies are exhausted, reverse shoulder arthroplasty provides reliable long-term outcomes with implant survival exceeding 90 % at ten years.

Keywords: Rotator cuff, re-tear, revision repair, tendon transfer, reverse shoulder arthroplasty, risk factors, biological augmentation

Citation: Rab P, Siebenlist S, Lacheta L: The failed rotator cuff repair. Risk factors and management strategies
OUP 2026; 15: 169–174. DOI 10.53180/oup.2026.0169-0174

Sektion Sportorthopädie, TUM Universitätsklinikum Rechts der Isar, Technische Universität München

Einleitung

Läsionen der Rotatorenmanschette (RM) zählen zu den häufigsten Ursachen schulterbedingter Funktionseinschränkungen und sind mit einer erheblichen sozioökonomischen Belastung verbunden, welche insbesondere die erwerbstätige Bevölkerung betrifft [1]. Während bei Partialrupturen abhängig von der Rupturmorphologie häufig ein initiales konservatives Vorgehen gewählt werden kann, ist bei transmuralen Rupturen und fehlgeschlagener konservativer Therapie der Partialrupturen die RM-Rekonstruktion indiziert [2]. In den letzten Jahren konnten bedeutende Fortschritte in Operationstechniken und Implantatentwicklung erzielt werden, und die RM-Rekonstruktion zählt zu den erfolgreichsten Operationen der Schulterchirurgie mit guten funktionellen Langzeitergebnissen [3]. Trotz technischer Innovation und chirurgischer Weiterentwicklung, wie beispielsweise der Einsatz bioinduktiver Patch-Augmentation [4], stellen hohe Rerupturraten nach wie vor eine wesentliche Herausforderung dar. Die in der Literatur berichteten Rerupturraten weisen eine erhebliche Varianz auf, die auf die Heterogenität der untersuchten Patientenkollektive sowie der eingeschlossenen Risikofaktoren zurückzuführen ist. Eine aktuelle Meta-Analyse zeigte eine gepoolte Rerupturrate von 12,5 % für Läsionen unter 3 cm Breite, während für größere Läsionen 37 % der Patientinnen und Patienten eine Reruptur aufwiesen [5]. Daher ist die Kenntnis chirurgischer sowie patienteneigener Risikofaktoren von entscheidender Bedeutung.

Gründe für eine fehlgeschlagene Rotatorenmanschettenrekonstruktion

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