Übersichtsarbeiten - OUP 03/2025
Rückkehr zum Sport nach Schulterendoprothese
Bei der rTSA hingegen wird die Kugelgelenkkonfiguration umgekehrt (= invers). Die Gelenkpfanne erhält eine Glenosphäre (Kugel), und der Oberarmknochen erhält eine konkave Pfanne. Dieses Design verlagert das Rotationszentrum nach medial und inferior. Damit wird der Hebelarm des Deltoidmuskels vergrößert und die insuffiziente Rotatorenmanschettenmuskulatur kompensiert. Dies ermöglicht es, den Arm, selbst bei fehlender funktionierender Rotatorenmanschette, effektiv zu heben [13–15].
Biomechanische Unterschiede HHA, aTSA und rTSA
Rotationszentrum
HHA, aTSA: behält das natürliche Rotationszentrum bei
rTSA: verschiebt das Rotationszentrum nach medial und inferior und verbessert so die Deltoidfunktion [15]
Muskelfunktion
HHA, aTSA: nutzt die Rotatorenmanschette für Stabilität und Bewegung
rTSA: nutzt den Deltoidmuskel, um die Insuffizienz der Rotatorenmanschette zu kompensieren und so dessen Hebelarm und Krafterzeugungskapazität zu erhöhen [13, 14]
Gelenkstabilität
HHA, aTSA: Die Stabilität wird hauptsächlich durch die Rotatorenmanschette gewährleistet.
rTSA: Stabilität wird durch die veränderte Gelenkmechanik und den erhöhten Deltamuskelarm erreicht [14, 15].
Bewegungsumfang
HHA, aTSA: zielt auf die Wiederherstellung des normalen Bewegungsumfangs
rTSA: kann bei bestimmten Bewegungen Einschränkungen mit sich bringen, verbessert aber die Gesamtfunktion bei Schultern mit Rotatorenmanschettendefekt [13–15]
Zusammenfassend liegt der primäre biomechanische Unterschied zwischen anatomischer und inverser Schulterendoprothetik in der Veränderung des Rotationszentrums und der Abhängigkeit verschiedener Muskelgruppen für Gelenkstabilität und -bewegung. Ein anatomisches Design erhält die natürliche Anatomie und Funktion, während ein inverses Design das Gelenk rekonfiguriert, um die Deltamuskelfunktion zu verbessern und Rotatorenmanschettendefekte auszugleichen.
Konflikte: Prothesendesign vs. Rückkehr zum Sport
Die potenziellen Konflikte bei der Rückkehr in den Sport nach einer anatomischen Schultertotalendoprothese (HHA, aTSA) im Vergleich zu einer inversen Schultertotalendoprothese (rTSA) hängen hauptsächlich mit den Unterschieden im postoperativen funktionellen Ergebnis und den biomechanischen Einschränkungen zusammen.
Bewegungsumfang und funktionelle Ergebnisse
HHA, aTSA: Patientinnen und Patienten erreichen im Allgemeinen einen besseren postoperativen Bewegungsumfang, insb. in den für viele sportliche Aktivitäten wichtigen Außen- und Innenrotationen. Dies führt zu höherer Zufriedenheit und besseren funktionellen Ergebnissen und ermöglicht eine höhere Rückkehr in den Sport [16, 17].
rTSA: Während die rTSA die Deltoidfunktion verbessert und Rotatorenmanschetteninsuffizienzen kompensiert, führt sie typischerweise zu einem eingeschränkten Bewegungsumfang, insb. in der Innen- und Außenrotation. Dies kann die Teilnahme an Sportarten einschränken, die eine ausgeprägte Schulterbeweglichkeit erfordern [16, 17].
Rückkehrraten in den Sport
HHA, aTSA: Die Rückkehrrate in den Sport ist höher. Studien zeigen eine Rückkehrrate von 93 % und eine vollständige Rückkehrrate von 70 %. Dies ist auf die Wiederherstellung einer nahezu normalen Schultermechanik und bessere funktionelle Gesamtergebnisse zurückzuführen [16].
rTSA: Die Rückkehrrate zum Sport ist mit 83 % und einer vollständigen Rückkehrrate von 30 % niedriger. Die veränderte Biomechanik und der eingeschränkte Bewegungsumfang nach rTSA tragen zu diesen niedrigeren Raten bei [16].
Sportart
HHA, aTSA: Patientinnen und Patienten kehren häufiger zu anspruchsvollen Sportarten zurück, einschließlich solcher, die eine hohe Schulterbeweglichkeit erfordern, wie Tennis und Schwimmen [10, 16].
rTSA: Patientinnen und Patienten kehren tendenziell zu gelenkschonenden Sportarten ohne Überkopfbelastung wie Joggen und Radfahren zurück, wobei die Rückkehrraten zu Sportarten wie Tennis und Schwimmen niedriger sind [6, 10, 16].
Komplikationen und radiologische Ergebnisse
HHA, aTSA: Im Allgemeinen mit weniger Komplikationen im Zusammenhang mit der Implantatstabilität verbunden, mit seltenen Fällen einer Glenoidlockerung [16].
rTSA: Höhere Inzidenz von Komplikationen wie Scapula-Notching (insb. bei älteren Prothesendesigns mit einem humeralen Inklinationswinkel von 155°), die die langfristige Funktion und die sportliche Betätigung beeinträchtigen können [16, 18].
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Patientinnen und Patienten, die sich einer anatomischen Schulterendoprothese unterziehen, im Vergleich zu Patientinnen und Patienten mit inverser Schulterendoprothese häufiger und mit besseren funktionellen Ergebnissen wieder Sport treiben. Dies liegt an dem größeren Bewegungsumfang und den geringeren biomechanischen Einschränkungen, die mit dem anatomischen Design verbunden sind.
Prothesentypen
Hermiarthroplastik an der Schulter (HHA)
Eine HHA ersetzt lediglich den Humeruskopf, während die native Gelenkpfanne erhalten bleibt. Diese Methode wird bei isolierten Schäden am Humeruskopf, bspw. im Rahmen einer proximalen Humeruskopffraktur oder deren Folge, der Humeruskopfnekrose, angewendet [19]. Die HHA wird am dritthäufigsten implantiert. Die Fallzahlen sind jedoch aufgrund der schwankenden Ergebnisse rückläufig. In einer Analyse aus dem Jahr 2018 wurden im Jahr 2017 nur noch etwas mehr als 2000 HHA in Deutschland implantiert [20]. Im Jahr 2010 wurden in Deutschland noch mehr HHA als rTSA implantiert [20]. Der Rückgang der Implantationszahlen wird am ehesten in Zusammenhang mit den höheren Komplikations- und Revisionsraten gebracht. In einem systematischen Review untersuchten Radnay et al. 1952 Patientinnen und Patienten und konnten mit 10,2 % eine deutlich höhere Revisionsrate der HHA im Vergleich zu der aTSA mit 6,5 % zeigen [21]. Auffällig ist bei der HHA allerdings, dass die hohe Versagensrate innerhalb der ersten beiden Jahre generiert wird. Patientinnen und Patienten, die eine gute Funktion und einen akromiohumeralen Abstand von > 7 mm in der Zweijahreskontrolle hatten, haben zu 92 % auch nach 15 Jahren noch gute und mit der aTSA vergleichbare Ergebnisse gezeigt, was die Standzeiten betrifft [22]. Bezüglich der Rückkehrraten zum Sport zeigt die Implantation einer HHA mit 71 % deutlich schlechtere Raten bei vergleichbarem Alter der Patientinnen und Patienten [10].
