Übersichtsarbeiten - OUP 06/2023
State of the Art bei der Frakturprothese am Oberarmkopf
Freya M. Reeh, Maren Bieling, Helmut Lill, Stephan Sehmisch, Alexander Ellwein
Zusammenfassung:
Proximale Humerusfrakturen machen einen großen Anteil an allen Frakturen aus und steigen insbesondere mit zunehmendem Lebensalter aufgrund einer abnehmenden Knochendichte stetig an. Die Wahl des bestmöglichen Therapieverfahrens gestaltet sich oftmals als schwer und dieses Thema wird in der dazu bisher veröffentlichten Literatur kontrovers diskutiert. Bei nicht oder nur gering dislozierten Frakturen ist eine konservative Therapie ein geeignetes Verfahren. Ab einem gewissen Grad der Dislokation wird eine operative Therapie notwendig. Die gelenkerhaltende Operation sollte bei jungen Patientinnen und Patienten grundsätzlich bevorzugt werden. Die primäre inverse Frakturendoprothese bei nicht rekonstruierbaren Frakturen hat in den letzten Jahren aufgrund ihrer zufriedenstellen postoperativen Ergebnisse vermehrt an Bedeutung gewonnen. Klare Indikationen zum endoprothetischen Gelenkersatz liegen in einem schmalen Kalottenfragment, einer fehlenden medialen Abstützung, einer Trümmerzone im Bereich der Tubercula sowie patientinnen-/patientenspezifischen Faktoren wie einer vorbestehenden Omarthrose oder Rotatorenmanschetteninsuffizienz. Der grundlegende Vorteil der inversen Totalendoprothese gegenüber der anatomischen Hemiprothese liegt in einer Unabhängigkeit von der Funktion der Rotatorenmanschette. Auch wenn die Funktion der inversen Prothese nicht von der knöchernen Einheilung der Tubercula abhängig ist, sollte eine Tubercularefixation angestrebt werden, da hierdurch bessere funktionelle Ergebnisse erzielt werden. Die primäre inverse Frakturprothese zeigt gute langfristige funktionelle Ergebnisse und stellt somit das Verfahren der Wahl bei nicht mehr rekonstruierbaren proximalen Humerusfrakturen dar.
Schlüsselwörter:
Proximale Humerusfraktur, Inverse Schulter-Totalendoprothese, Frakturendoprothese,
Tubercularefixation
Zitierweise:
Reeh FM, Bieling M, Lill H, Sehmisch S, Ellwein A: State of the Art bei der Frakturprothese am
Oberarmkopf
OUP 2023; 12: 272–279
DOI 10.53180/oup.2023.0272-0279
Summary: Proximal humerus fractures account for a large proportion of all fractures and increase steadily with age due to decreasing bone density. The choice of the best possible therapeutic procedure is often difficult and this topic has been controversially discussed in the literature published to date. In the case of non-displaced or only slightly displaced fractures, conservative therapy is a suitable procedure. From a certain degree of dislocation, surgical therapy becomes necessary. Joint-preserving surgery should generally be preferred in young patients. Primary inverse fracture arthroplasty for nonreconstructible fractures has become increasingly important in recent years because of its satisfactory postoperative results. Clear indications for endoprosthetic joint
replacement include a narrow calvarial fragment, lack of medial support, a zone of comminution in the tuberosity, and patient-related factors such as preexisting omarthrosis, or rotator cuff insufficiency. The fundamental advantage of the inverse total endoprosthesis over the anatomic hemiprosthesis is its independence from
rotator cuff function. Although the function of the inverse prosthesis is not dependent on the bony healing of the tuberosity, tuberosity re-fixation should be aimed for, as this achieves better functional results. The primary inverse fracture prosthesis shows good long-term functional results and is therefore the procedure of choice for proximal humerus fractures that can no longer be reconstructed.
Keywords: Proximal humeral fracture, reverse shoulder arthroplasty, fracture arthroplasty, tubercula refixation
Citation: Reeh FM, Bieling M, Lill H, Sehmisch S, Ellwein A: State of the art in fracture arthroplasty of the
proximal humerus
OUP 2023; 12: 272–279. DOI 10.53180/oup.2023.0272-0279
F. M. Reeh, M. Bieling, H. Lill: DIAKOVERE Friederikenstift, Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Hannover
A. Ellwein: DIAKOVERE Friederikenstift, Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Hannover & Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Unfallchirurgie
S. Sehmisch: Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Unfallchirurgie
Einleitung
Frakturen des proximalen Humerus treten mit einer Inzidenz von 105–342 pro 100.000 Einwohner auf und gehören mit einem Anteil von 4–5 % an
allen Frakturen zu den häufigsten
Skelettverletzungen, insbesondere bei älteren Menschen [1–3]. Bei Patientinnen und Patienten über einem Alter von 60 Jahren stellt die Oberarmkopffraktur, vor allem nach einem ebenerdigen Sturz auf den ausgestreckten Arm, neben der Schenkelhalsfraktur und der Fraktur des distalen Radius die dritthäufigste Frakturentität dar [4, 5]. Aufgrund der Zunahme von osteoporotischen Knochenzuständen mit zunehmendem Lebensalter, steigt auch die Inzidenz der proximalen Humerusfraktur mit dem Alter kontinuierlich an, wobei Frauen insgesamt
wesentlich häufiger betroffen sind als Männer. Dies trägt auch dazu bei, dass die Oberarmkopffraktur als „Indikatorfraktur“ für Osteoporose bezeichnet wird [6]. Mit Betrachtung des
demographischen Wandels wird perspektivisch gesehen eine Zunahme der Frakturen um das Dreifache in den nächsten 30 Jahren erwartet [7, 8]. Bei jüngeren Patientinnen und Patienten kommt es seltener vor und eher nach hochenergetischen Unfällen oder Sportunfällen zur Entstehung von komplexen Frakturmustern des proximalen Humerus [5].
Die optimale Behandlung von proximalen Humerusfrakturen wird in der bisher dazu veröffentlichten Literatur weiterhin kontrovers diskutiert, ein einheitlicher Goldstandard existiert aufgrund einer mangelnden Anzahl von Level-I- und -II-Studien nicht [9–11]. Für den Großteil der Frakturen, der nicht oder nur geringfügig disloziert ist, stellt die konservative Therapie eine sinnvolle Option dar [7, 12]. Für dislozierte Frakturen stehen eine Vielzahl von operativen Behandlungsmethoden zur Verfügung, wie zum Beispiel die offene Reposition und Plattenosteosynthese, die intramedulläre Nagelosteosynthese oder die endoprothetische Versorgung, wobei hier zwischen der anatomischen (Hemi-)Prothese (Abb. 4) und der inversen Totalendoprothese (Abb. 1–3, 5) unterschieden wird. Während die primäre inverse Frakturprothese bis vor einigen Jahren eher die/den geriatrische/n Patientin/Patienten vorbehalten war, hat mit der Zeit ein Umdenken und ein Wandel stattgefunden, sodass sie nun als die primäre Option bei nicht rekonstruierbaren Frakturen angesehen wird. Die Wahl des geeigneten Verfahrens sollte individuell unter Berücksichtigung verschiedener patientinnen-/patientenbezogener Faktoren entschieden werden. Die operative Therapie der Oberarmkopffraktur bleibt aufgrund des hohen sowie komplexen technischen Aufwands und der häufigen Entwicklung von postoperativen Komplikationen weiterhin eine chirurgische Herausforderung [3, 10, 12].