Übersichtsarbeiten - OUP 06/2023

State of the Art bei der Frakturprothese am Oberarmkopf

Im stationären Verlauf wird der im OP-Saal angebrachte sterile Verband für 48 Stunden belassen, anschließend erfolgen täglich Verbandswechsel mit Desinfektion und Wundkontrollen. Falls intraoperativ eine Redon-Drainage eingelegt wurde, kann diese in Abhängigkeit der Fördermenge – meist am zweiten postoperativen Tag – entfernt werden. Zur Minimierung und Reduktion einer Weichteilschwellung bieten sich neben einer möglichst frühzeitigen aktiven und passiven physiotherapeutischen Beübung insbesondere die Lymphdrainage sowie die intermittierende Anlage von Pumpen zur Förderung des Lymphabflusses an. Eine Röntgenaufnahme der Schulter in 2 Ebenen (a.p.- und y-Aufnahme) wird zur Befundkontrolle noch während des stationären Aufenthaltes angefertigt. Im eigenen Vorgehen hat sich die Nachbehandlung mit einer Abduktionsorthese für 6 Wochen bewährt. Die Orthese wird bereits unmittelbar nach der Operation und vor dem Ausschleusen der Patientin/des Patienten angelegt. Bis auf eine in diesem Zeitraum zu vermeidende Retroversion ist das Bewegungsausmaß der betroffenen Schulter ab dem ersten Tag frei und die Orthese kann intermittierend abgelegt werden.

Durch eine physiotherapeutische Mitbehandlung und die aktive Schulung der Patientinnen und Patienten zum eigenständigen Üben erfolgen zunächst aktive und passive Bewegungsübungen unter einer Entlastung des Armes für 6 Wochen. Durch die aktive Bewegung wird eine Zentrierung des „Oberarmkopfes“ gefördert. In die Übungen können passive
Motor-/Bewegungsschienen mit einbezogen werden. Vergleicht man das funktionelle postoperative Outcome nach primärer Implantation einer
inversen Schultertotalendoprothese nach einer proximalen Humerusfraktur im Vergleich zur primären anatomischen Prothese, so zeigen sich signifikant bessere Ergebnisse in den relevanten klinischen Scores sowie der knöchernen Tuberculaeinheilung in der Gruppe der inversen Prothese [15]. In einer aktuellen Studie von Crespo et al. aus dem Jahr 2021 wird beschrieben, dass das langfristige Ergebnis nach Implantation einer Frakturendoprothese gleichwertig mit dem nach elektiver Schulterendoprothese ist. Der einzige Unterschied liegt in einer längeren Rehabilitationszeit mit einem von den Betroffenen beschriebenen größerem Schmerzaufkommen nach einer Frakturprothese [27].

Komplikationen

In einer jüngst publizierten schwedischen Studie mit großem Patientinnen-/Patientenkollektiv zur Untersuchung von Revisionen nach primärer Frakturendoprothese konnte eine Revisionsrate von insgesamt 2 % beschrieben werden. Als häufigster Grund lag eine Instabilität vor, gefolgt von periprothetischen Frakturen und Infektionen. Als relevante Risikofaktoren konnten ein Patientinnen-/Patientenalter unter 60 Jahren und das männliche Geschlecht detektiert werden [28]. Relevante Gründe für eine sich entwickelnde Instabilität liegen mitunter in einer Vorgeschichte mit bereits erfolgten Voroperationen,
einer bekannten osteopenen oder
osteoporotischen Knochenstruktur, einer Schädigung des N. axillaris und einer Insuffizienz des M. subscapularis [29]. Propionibacterium acnes und Koagulase-negative Staphylokokken führen an der Schulter am häufigsten zu oftmals klinisch „stummen“ Low-grade-Infektionen.

Weitere Komplikationen, die speziell nach der Versorgung mit einer inversen Prothese auftreten können, sind eine Implantatlockerungen, ein Scapula-Notching sowie das Auftreten eines komplexen regionalen Schmerzsyndroms (CRPS) oder einer Knochennekrose. Beim Scapula-Notching kommt es zu einem mechanischen Kontakt zwischen dem Protheseninlay oder der Metaphyse des Humerus mit dem Scapulahals, was zu einer knöchernen Destruktion am unteren Glenoidrand führen kann. Hierdurch wird eine Lockerung der Prothese oder eine Luxation begünstigt. Durch eine Reduktion des glenohumeralen Inklinationswinkels auf 135° und eine vermehrte Lateralisation kann das Notching reduziert werden [15]. Darüber hinaus besteht nach einer Frakturprothese ein erhöhtes Risiko für periprothetische Frakturen im Vergleich zu einer elektiven endoprothetischen Versorgung [30].

Schlussfolgerung

Nach Implantation einer inversen Frakturtotalendoprothese zeigen sich altersunabhängig langfristig gute klinische und funktionelle Ergebnisse.

Berücksichtigung der harten und weichen Faktoren, die gegen eine Rekonstruktion und für eine endoprothetische Versorgung sprechen.

Großzügige Nutzung einer prä
operativen CT-Diagnostik und
Planung

Eine Reduktion des glenohumeralen Inklinationswinkels auf 135° und die standardmäßige Lateralisation führen zu einer biomechanisch stabileren Prothesensituation und einer Reduktion des Scapula-Notching.

Falls möglich, sollte die Tubercularefixation mit ossär durch die Tubercula gelegten Tapecerclagen unbedingt vorgenommen werden, da hierdurch bessere funktionelle Ergebnisse und weniger Komplikationen erzielt werden.

Interessenkonflikte:

Keine angegeben.

Das Literaturverzeichnis zu
diesem Beitrag finden Sie auf:
www.online-oup.de.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Freya Margaretha Reeh

DIAKOVERE Friederikenstift Hannover

Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie

Humboldtstraße 5

30169 Hannover

freya.reeh@diakovere.de

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