Informationen aus der Gesellschaft - OUP 03/2025
USA-Reisebericht 2025 - Team 1Fachlicher Austausch und internationale Perspektiven: Unterwegs mit dem VSOU Reisestipendium 2025
Im Jahr 2024 vergab die VSOU im Rahmen der 72. Jahrestagung erstmalig vier statt wie bisher zwei Stipendien für das beliebte USA-Reisestipendium. Wir, Dr. Marit Herbolzheimer von der BG Unfallklinik Murnau und Dr. Marco Haertlé von der Medizinischen Hochschule Hannover/Diakovere Annastift, hatten die große Ehre, zwei dieser begehrten Förderplätze erhalten zu dürfen. Das VSOU-Reisestipendium ist eines der hochkarätigsten und zugleich flexibelsten Stipendienprogramme im deutschsprachigen Raum im Fachbereich Orthopädie und Unfallchirurgie. Die Rahmenbedingungen der Förderung beinhalteten den Besuch von zwei der renommiertesten Kliniken in den U.S.A. sowie die Teilnahme am Annual Meeting der American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS). Inhaltliche Schwerpunkte unserer Aufenthalte konnten frei von uns Stipendiaten in Rücksprache mit unseren Ansprechpartnern vor Ort festgelegt werden. Diese hohe fachliche Flexibilität bei der Gestaltung des Rahmenprogramms macht dieses Stipendium einzigartig.
Dieser Bericht schildert die Erfahrungen unserer Gruppe, die als erste ihre Reise im Rahmen des Stipendiums antrat. Die zweite Gruppe, bestehend aus Dr. Eric Mandelka und Dr. Anika Klingler, trat ihre Reise mit dem Besuch des AAOS an. Ein Bericht über die Eindrücke unserer Ko-Stipendiaten wird in einer der kommenden Ausgaben der OUP veröffentlicht.
Nach einer kompakten und fokussierten Vorbereitungsphase, die die Buchung von Flügen und Unterkünften sowie die Abwicklung des administrativen „Onboardings“ in den jeweiligen Kliniken beinhaltete, stand unserem großen Vorhaben nichts mehr im Wege.
Hospital for Special Surgery,
New York City (15.–26. Februar)
Am 15.02. starteten wir unsere Reise aus dem Norden und Süden Deutschlands in Richtung New York City, der ersten Station unseres Reisestipendiums. Der „Big Apple“ begrüßte uns direkt mit Stau auf dem Rollfeld sowie nicht enden wollenden Schlangen an der Grenzkontrolle. Mit einen Stempel im Reisepass und reichlich Enthusiasmus konnten wir schließlich doch noch unser Abenteuer antreten.
Unsere erste Station war das Hospital for Special Surgery (HSS), wo Prof. Fritz Böttner ein einzigartiges Programm im und außerhalb des Operationsaals für uns vorbereitet hatte (Abb. 1).
Allerdings blieben die Türen des HSS zunächst für uns verschlossen, denn es war Presidents Day – ein nationaler Feiertag, der uns die Möglichkeit gab, die Stadt zu erkunden, die bekanntlich niemals schläft. Da wir beide in vorherigen Aufenthalten die typischen Sightseeing-Highlights von New York City bereits genossen hatten, konnten wir uns bei diesem Besuch in den unzähligen Stadtvierteln wie Greenwich Village, Little Italy, East Village oder Harlem verlieren. Unser akut aufkommendes Heimweh wurde direkt im Metropolitan Museum of Art in der Caspar-David-Friedrich-Ausstellung gelindert (Abb. 4).
Das HSS wurde wiederholt zur besten orthopädischen Klinik der Vereinigten Staaten gewählt. Ein Fakt, auf den man am Ufer des East Rivers mit Recht stolz ist. Seit seiner Gründung im Jahr 1863 ist das HSS stetig gewachsen und verfügt heute neben einer ausgesprochenen medizinischen Expertise über mehr als 200 Betten und über 50 Operationssäle. Das kontinuierliche Wachstum der Klinik wird durch die zum Teil mit Brücken verbundenen Gebäude anschaulich sichtbar. Das HSS ist den Besuch internationaler Hospitanten gewohnt. So verlief auch unser Akkreditierungsprozess zügig. Abgeschlossen wurden die Formalien mit der Aushändigung spezifischer OP-Kleidung (in vorteilhaftem beige) und eines HSS-Kaffeebechers (Abb. 2).
Der klinische Schwerpunkt von Dr. Marit Herbolzheimer liegt in der septischen Chirurgie mit komplexen Rekonstruktion. Nach einem kurzen Austausch mit Dr. David Helfet in der Unfallchirurgie stand daher eine intensive Hospitation bei Prof. Austin Fragomen und seinem Team des „Limb Lengthening and Complex Reconstruction Service” auf dem Programm. Dabei konnten alle Facetten der klinischen Tätigkeit begleitet werden – von der Sprechstunde über die Grand Rounds bis hin zum Operationssaal (Abb. 3).
Im Kontrast dazu stand das Programm von Dr. Marco Haertlé, dessen klinischer Schwerpunkt neben der gelenkerhaltenden Hüftchirurgie vor allem in der Endoprothetik von Knie- und Hüftgelenk liegt. Ein Bereich, der auch am HSS eine zentrale Rolle spielt. So bot sich die Möglichkeit, eine Vielzahl endoprothetischer OP-Techniken (von manuellen Verfahren bis hin zur robotergestützten Chirurgie) sowie unterschiedlichste Implantattypen (von der Hüftkappe bis zur Revisionsprothese) vertiefend zu verfolgen – angewendet von einer beeindruckenden Bandbreite erfahrener Operateure. Dr. Marco Haertlé begleitete dabei unter anderem David Mayman, Ernest Sink, Peter Sculco, Ed Su, Seth Jerabek und natürlich Fritz Böttner.
Besonders beeindruckend war die große Anzahl an Personal: Jeder C-Bogen wurde von einer eigenen Radiology Technician bedient und jedes Implantat vom zuständigen Vertreter ausgepackt. Der breite Einsatz von Physician Assistants, Case Managern, Pflegekräften und weiteren unterstützenden Berufsgruppen zeigt eindrucksvoll, welche Kapazitäten geschaffen werden können, um dem ärztlichen Personal mehr Freiraum für klinische oder wissenschaftliche Tätigkeiten zu ermöglichen. Zudem operieren viele Chirurginnen und Chirurgen parallel in zwei Sälen mit jeweils eigenen OP-Teams, um eine hocheffiziente Gestaltung des OP-Programms umzusetzen.
Neben dem exzellenten fachlichen Programm hatte Prof. Fritz Böttner für uns auch ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm organisiert, das unter anderem den Besuch des NBA-Spiels der NY Knicks gegen die Chicago Bulls im Madison Square Garden beinhaltete.
In der zweiten Woche stand ein Fellowship-Dinner mit einigen Chirurgen aus der Abteilung für Endoprothetik auf dem Programm. Hier wurde wieder deutlich, wie leidenschaftlich die Chirurgen in dieser Klinik für ihre Arbeit brennen und welchen Raum diese Tätigkeit einnehmen kann.
Nach all diesen beruflichen und privaten Eindrücken mussten wir jedoch bereits wieder unser Reisegepäck schnüren und uns gen Westen auf den Weg zur zweiten Station unseres Reisestipendiums machen.
Mayo Clinic, Rochester/Minnesota (26. Feb.–08. März)
Am 26. Februar reisten wir weiter nach Rochester: von der Nr. 1 der Orthopädie zur Nr. 1 der US-Kliniken. Schon am Flughafen war klar: Hier ist alles „Mayo“! Glücklicherweise erwarteten uns fast frühlingshafte Temperaturen, ein angenehmer Kontrast zum eisigen Ostküstenwind.
Die Mayo Clinic, gegründet 1864, gilt als weltweit führend in der Patientenversorgung, Forschung und Lehre. Mit mehr als 60.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und jährlich über 1,3 Millionen Patientenbesuchen ist die Mayo Clinic eine der größten Kliniken der USA.
Die Mayo Clinic erstreckt sich über ein weitläufiges Campus-Areal. Zu den zentralen Wahrzeichen des Campus gehören das imposante Mayo Building sowie das moderne Gonda Building. Beim Betreten dieser Gebäude fühlt man sich weniger wie in einer Klinik, sondern vielmehr wie in einem luxuriösen Hotel oder einem Kunstmuseum. Im benachbarten Methodist Building ist die Abteilung für Endoprothetik untergebracht, während im nur per Shuttle-Bus erreichbaren St. Mary’s Hospital die Fachbereiche Unfallchirurgie, Hand- und Plastische Chirurgie sowie Tumororthopädie zu finden sind.
Insgesamt gibt es auf dem weitläufigen Campus über 100 Operationssäle, von denen mehr als ein Drittel für orthopädische und unfallchirurgische Eingriffe genutzt werden. An spannenden Programmpunkten mangelte es uns also nicht (Abb. 5).
Auch in dieser Klinik wurde schnell klar, wir waren nicht die ersten Hospitanten. Man war bestens vorbereitet und unser Gastgeber Prof. Daniel Berry hatte gemeinsam mit seinem Team einen individuell abgestimmten Rotationsplan für unsere Woche erstellt.
In den darauffolgenden Tagen hatte Dr. Marco Haertlé die Möglichkeit, in den interaktiven Austausch mit renommierten Experten wie Matthew Abdel, Michael Taunton, Rafael Sierra und Nicholas Bedard zu treten und von ihrer breiten Expertise und Erfahrung zu profitieren.
Nachdem Dr. Marit Herbolzheimer einen kurzen Einblick in die endoprothetische Chirurgie bei Kevin Perry erhalten hatte, folgte ein herzliches Willkommen durch das unfallchirurgische Team rund um Brandan Yuan, Kristin Hidden, Andy Sems und Michael Torchia sowie durch Steven Moran und Alex Shin aus der Hand- und Plastischen Chirurgie.
An Tagen mit kürzerer Arbeitszeit nutzten wir die Gelegenheit, die Mayo-Welt weiter zu erkunden: Das klinikinterne Museum im Hauptgebäude sowie die historischen Räume des Plummer Buildings vermittelten eindrucksvoll die Geschichte der Klinik, ebenso wie faszinierende Exponate aus der Medizingeschichte.
Abgesehen von diesen kulturellen Eindrücken und dem klinischen Alltag waren zusätzliche Programmpunkte eher selten, so dass wir die freie Zeit aktiv im Fitnessstudio nutzten oder nach über 2 Wochen endlich wieder selbst zum Kochlöffel griffen. Unsere sportlichen Einheiten absolvierten wir im beeindruckenden Sportzentrum der Mayo Clinic, dem „Dan Abraham Healthy Living Center“. Diese für Mitarbeitende kostenfreie Einrichtung unterstreicht, welchen hohen Stellenwert die Mitarbeiterfürsorge hier genießt. Geld allein macht vielleicht nicht glücklich, aber es schafft die Voraussetzungen für echte Hochleistungsmedizin.
Ein besonders schöner Moment war die Einladung unseres Gastgebers Prof. Daniel Berry zu sich nach Hause. In entspannter Atmosphäre konnten wir uns bei Käse und Wein über Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Klinikalltag sowie über Karrierewege und Forschungsansätze austauschen (Abb. 6).
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Gerücht, dass Ärztinnen und Ärzte an der Mayo Clinic so wissenschaftlich aktiv sind, weil es abseits von Klinik und Forschung wenig Ablenkung herrscht, hat sich durchaus bestätigt. In den Kliniken und auch in der Stadt begegnet man auf Schritt und Tritt inspirierenden Menschen, motivierenden Zitaten und einer Atmosphäre, die zum Denken und Forschen anregt.
So lernten wir auch Nils Meißner kennen, einen Research Fellow aus Sommerfeld, der seit über einem Jahr im hochmodernen Kellen Center, dem Forschungszentrum der Mayo Clinic, tätig ist. Der Austausch über seine Erfahrungen in Rochester war für uns besonders bereichernd.
Auch während unseres Aufenthalts in Rochester hat uns erneut beeindruckt, mit welcher Leidenschaft sich die Chirurginnen und Chirurgen ihren Patientinnen und Patienten widmen und wie engagiert sie ihr Wissen weitergeben. Die Weiterbildungsplätze an der Mayo Clinic sind allerdings sehr begehrt, und wer einen von ihnen ergattern möchte, muss entsprechend Engagement und Eigeninitiative mitbringen.
Die Zeit unserer klinischen Hospitation ist wie um Flug vergangen und der Flug nach San Diego zum Höhepunkt unserer gemeinsamen Zeit stand an. Zudem mussten wir den symbolischen Staffelstab an unsere Ko-Stipendiaten übergeben.
AAOS Annual Meeting, San Diego (08.–15. März)
In San Diego trafen wir schließlich unsere Ko-Stipendiaten Dr. Anika Klingler und Dr. Eric Mandelka und nutzten das Wochenende, um die Stadt näher kennenzulernen. Auch meteorologisch konnten wir im Vergleich zu New York und Rochester deutlich zulegen, so galt es den ersten Sonnenbrand der Saison zu vermeiden. Leider stellte sich heraus, dass die sonnigen Tage am Ankunftswochenende zugleich die einzigen mit blauem Himmel bleiben sollten. Diese Wetterlage führte allerdings auch zu gefüllten Kongresssälen und entschuldigenden Blicken durch die Vortragenden aus San Diego.
Am Montag öffnete schließlich der größte orthopädische Kongress der Welt seine Türen. Das reguläre Kongressticket beinhaltete eine Auswahl kostenfreier Programmpunkte, die jedoch nur einen Bruchteil des gesamten Angebots abdeckten. Für viele der spannenden Sessions, insb. in den spezialisierten Formaten, war daher eine zusätzliche kostenpflichtige Buchung erforderlich (Abb. 7).
Die Qualität der Vorträge war v.a. bei den kostenpflichtigen Formaten durchweg auf höchstem Niveau. Aufgrund der thematischen Vielfalt und unserer unterschiedlichen Interessensschwerpunkte teilten wir uns als Gruppe häufig auf und streiften in alle Himmelsrichtungen durch das weitläufige Kongresszentrum. Inhaltlich lag ein klarer Kongressschwerpunkt auf der Endoprothetik und Sportorthopädie. Themen wie Extremitätenrekonstruktion oder septische Chirurgie waren dagegen deutlich unterrepräsentiert.
Marco Haertlé hatte die große Ehre, seine Ergebnisse zum komplexen Zusammenspiel von Hüftdysplasie und Beckenkippung in der zentral gelegenen Posterhalle zu präsentieren. Diese Präsentation bot eine hervorragende Gelegenheit, mit Teilnehmenden aus der ganzen Welt ins Gespräch zu kommen, neue Impulse zu erhalten und wertvolle Kontakte zu knüpfen (Abb. 8).
Die Industrieausstellung des Kongresses wirkte im Vergleich zu nationalen Veranstaltungen wie dem DKOU überdimensioniert. Die Standflächen der internationalen „Big Player“ waren äußerst großzügig gestaltet und teilweise sogar mit zusätzlichen Wetlabs ausgestattet. Insgesamt konnten wir aber wertvolle Einblicke gewinnen, welche Innovationen in den kommenden Jahren ihren Weg nach Europa und Deutschland finden könnten (Abb. 9).
Trotz der enormen Größe des Kongresses und der Industrieausstellung traf man immer wieder auf die wenigen anderen deutschen Teilnehmenden vor Ort, unter ihnen auch DGOU-Präsident Prof. Christoph Lohmann.
Zusammenfassend möchten wir mit Nachdruck betonen, wie dankbar wir dem VSOU für diese einmalige Chance sind. Unser besonderer Dank gilt zudem unseren Gastgebern Prof. Fritz Böttner und Prof. Daniel Berry sowie den großartigen Teams in New York und Rochester für die unvergessliche Zeit und die intensiven Einblicke.
Korrespondenzadressen
Dr. med. Marco Haertlé
Orthopädische Klinik der
Medizinischen Hochschule Hannover im DIAKOVERE Annastift
Anna-von-Börries-Straße 1–7
30625 Hannover
haertle.marco@mh-hannover.de
Dr. med. Marit Herbolzheimer
BG Unfallklinik Murnau
Prof.-Küntscher-Str. 8
82418 Murnau
marit.herbolzheimer@bgu-murnau.de
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