Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Verletzungen der kindlichen Wirbelsäule
Eine besondere Herausforderung

Simon Schramm, Johannes Groh, Simon Wagner, Jonas Scheidig, Stefan Hauck, Mario Perl, Johannes Krause

Zusammenfassung:
Kindliche Wirbelsäulenverletzungen sind trotz ihrer Seltenheit eine bedeutende klinische Herausforderung, da sie aufgrund spezifischer anatomischer und biomechanischer Besonderheiten des wachsenden Skeletts andere Verletzungsmuster und Diagnoseprobleme aufweisen als bei Erwachsenen. Die kindliche Wirbelsäule zeichnet sich durch eine erhöhte Flexibilität, verschobene Rotationszentren und unvollständige Ossifikation aus, was insb. bei Hochrasanztraumata zu komplexen Verletzungen führen kann. Diagnostisch erschweren physiologische Varianten und die eingeschränkte Anwendbarkeit erwachsener Bildgebungsalgorithmen die sichere Erkennung von Verletzungen. Moderne bildgebende Verfahren wie das MRT spielen daher eine zentrale Rolle, insb. zur Detektion okkulter Verletzungen. Therapeutisch sind Alter, Wachstumsstadium (z.B. Risser-Stadium) und Verletzungsart entscheidend für die Wahl zwischen konservativer und operativer Behandlung. Aufgrund des hohen Risikos bleibender neurologischer Schäden bedarf es eines strukturierten, altersgerechten Vorgehens in Diagnostik und Therapie, um optimale Ergebnisse für die junge Patientengruppe zu gewährleisten.

Schlüsselswörter:
Kindertraumatologie, Wirbelsäule, Pädiatrische Halswirbelsäule

Zitierweise:
Schramm S, Groh J, Wagner S, Scheidig J, Hauck S, Perl M, Krause J: Verletzungen der kindlichen
Wirbelsäule. Eine besondere Herausforderung
OUP 2026; 15: 24–30
DOI 10.53180/oup.2026.0024-0030

Summary: Pediatric spinal injuries, despite their rarity, pose a significant clinical challenge. This is due to distinct injury patterns and diagnostic complexities that differ from those in adults, primarily stemming from specific anatomical and biomechanical characteristics of the growing skeleton. The pediatric spine exhibits increased flexibility, shifted centers of rotation, and incomplete ossification. These factors can lead to complex injuries, particularly in high-energy trauma. Diagnostically, physiological variants and the limited applicability of adult imaging algorithms complicate the definitive identification of injuries. Consequently, modern imaging modalities like MRI play a crucial role, especially for detecting occult injuries. Therapeutically, the patient‘s age, growth stage (e.g., Risser stage), and type of injury are decisive for choosing between conservative and surgical management. Given the high risk of permanent neurological damage, a structured, age-appropriate approach to diagnostics and therapy is essential to ensure optimal outcomes for this young patient group.

Keywords: Pediatric trauma, spine, paediatric cervical spine

Citation: Schramm S, Groh J, Wagner S, Scheidig J, Hauck S, Perl M, Krause J: Injuries of the pediatric spine.
A special challenge
OUP 2026; 15: 24–30. DOI 10.53180/oup.2026.0024-0030

S. Schramm, J. Groh, S. Wagner, J. Scheidig, M. Perl, J. Krause: Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, Uniklinik Erlangen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen

S. Hauck: Wirbelsäulenchirurgie, BG Unfallklinik Murnau, Murnau

Epidemiologie kindlicher Wirbelsäulenverletzungen

Es ist festzustellen, dass Kinder in signifikantem Maße von Verletzungen betroffen sind, die durch Unfälle verursacht werden. Im Jahr 2019 wurden 194.042 Kinder unter 17 Jahren wegen einer Verletzung im Krankenhaus behandelt. Darüber hinaus stellen Unfälle bei Kindern unter einem Jahr die häufigste Ursache für kindliche Todesfälle in Deutschland und Europa dar [1]. Wie das Statistische Bundesamt zudem mitteilt, kamen im Jahr 2022 rund 25.800 Kinder unter 15 Jahren bei Unfällen im Straßenverkehr zu Schaden [2]. Wirbelsäulenverletzungen bei Kindern sind verglichen mit diesen Zahlen und mit adulten Verletzungen zwar selten und machen unter 10 % aller Wirbelsäulenverletzungen aller Altersgruppen aus [3], können aber trotzdem schwerwiegende Folgen haben und bedürfen hierbei einer besonderen Aufmerksamkeit, um neurologische oder strukturelle, bleibende Schäden zu vermeiden. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Inzidenz und der zugrunde liegende Pathomechanismus in Abhängigkeit des Alters variieren. Im Säuglings- und Kleinkindalter manifestieren sich vorrangig nicht-akzidentelle Traumata, die auch im Kontext von Kindesmisshandlung zu verorten sind. Bei Schulkindern und Jugendlichen hingegen überwiegen Verkehrs- und Sportunfälle [4].

Anatomische Besonderheiten

der kindlichen Wirbelsäule

Die kindliche Wirbelsäule unterscheidet sich in einigen Aspekten deutlich von der adoleszenten und der vom Erwachsenen. Dies erklärt wiederum die altersspezifischen Verletzungsmuster.

Zu Beginn besteht die pädiatrische Wirbelsäule aus 33 Wirbeln, darunter sieben Halswirbel, 12 Brustwirbel, fünf Lendenwirbel, fünf Kreuzbeinwirbel und vier Steißbeinwirbel. Dies steht im Gegensatz zur adulten Wirbelsäule, wo die Anzahl auf 26 Wirbel reduziert ist, da die Wirbel des Sakrums während des normalen Wachstums und der physiologischen Entwicklung miteinander fusionieren. Der Atlas entwickelt sich aus 3 Knochenkernen, Körper und 2 Neuralbögen, der Axis wiederum hat 4 Knochenkerne. Die subaxiale Halswirbelsäule entwickelt sich ebenfalls aus 3 Knochenkernen. Die Neuralbögen verschmelzen um das 2. Lebensjahr, die neurozentrale Synchondrose im Kindergartenalter. Bis zum 7. Lebensjahr sind die Wirbelkörper häufig noch keilförmig konfiguriert. Die Endplatten der Wirbelkörper sind histologisch Epiphysen gleichzusetzen, hier findet das Längenwachstum der Wirbelsäule statt. Beim Neugeborenen und Kleinkind sind Wirbelkörper und Bandscheibe der Brust- und Lendenwirbelsäule annähernd gleich hoch ausgebildet, was eine höhere Flexibilität zur Folge hat. Die Anatomie der gesamten Wirbelsäule beginnt ab einem Alter von 8–10 Jahren immer mehr der Wirbelsäule des Erwachsenen zu ähneln [5].

Bei Kindern ist eine Verschiebung des Rotationszentrums im Vergleich zu Erwachsenen festzustellen. Bei Kindern im Alter von 8–10 Jahren befindet sich das Rotationszentrum der Halswirbelsäule auf dem Niveau C5/C6, davor jedoch bei C2/C3. Diese Verschiebung ist teilweise für die Zunahme von Verletzungen der oberen Halswirbelsäule bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen verantwortlich. Insbesondere bei Säuglingen ist das Kopf-Rumpffraktur-Verhältnis überproportional ausgeprägt. Die obere Halswirbelsäule weist insb. bei Distorsionstraumata eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit auf, die auf den vorliegenden Hebelarm zurückzuführen ist. Die noch nicht vollständig ausgeprägte Nackenmuskulatur, die folglich keine stabilisierende Schutzfunktion aufweist, trägt zur Verstärkung dieser Vulnerabilität bei. [6].

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