Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Verletzungen der kindlichen Wirbelsäule
Eine besondere Herausforderung

Trotz der radiologischen und diagnostischen Vorteile ist es wichtig, auch die Nachteile der MRT-Nutzung zu berücksichtigen. Dazu zählen die lange Untersuchungsdauer und der mögliche Bedarf an Sedierung, die eingeschränkte Verfügbarkeit sowie das Risiko, Verletzungen zu überschätzen oder über zu diagnostizieren [16]. Um eine Sedierung zu vermeiden und Zeit zu sparen, sind verkürzte MRT-Sequenzen möglich, die eine vergleichbare Sensitivität bieten [17].

Verletzungsarten und deren spezifische Therapie

Beschleunigungsverletzungen im Rahmen von Verkehrsunfällen spielen insb. im erwachsenen, aber auch beim kindlichen Patientenkollektiv eine große Rolle [18]. Durch die beschriebenen anatomischen Besonderheiten können Hochrasanztraumata, insb. durch Distraktions- oder Dezelerationskräfte zu Verletzungen an der kindlichen Wirbelsäule führen.

Rückenmarksverletzungen

Durch die Hypermobilität kann es hier gerade bei Kindern zu einer traumatischen Rückenmarksverletzung ohne Nachweis einer akuttraumatologischen Verletzung in der Röntgen- oder Computertomografieuntersuchung kommen (Spinal cord injury without radiographic abnormality SCIWORA) [19, 20]. Die Diskrepanz zwischen neurologischen Ausfällen und initialen radiologischen Befunden bedingt eine weiterführende Bildgebung mittels MRT. In diesem Kontext hat sich die Klassifikation nach Boese und Lechler als etabliert erwiesen (Tab. 2) [21, 3]. Typ I repräsentiert das Fehlen jeglicher nachweisbaren Anomalien im MRT. Typ IIa manifestiert sich durch extraneurale Anomalien, Typ IIb durch intraneurale Anomalien und Typ IIc durch eine Kombination aus extraneuralen und intraneuralen Anomalien. Die Prognoseabschätzung erweist sich, wie bei allen Rückenmarksverletzungen, als äußerst schwierig. Für den SCIWORA-Typ I lässt sich jedoch eine positive Prognose stellen, die sich in der Regel durch eine vollständige Restitution ad integrum manifestiert.

Häufige neurologische Symptome bei Verletzungen des Rückenmarks sind bspw. vorübergehende Ungeschicklichkeit, Schmerzen im unteren Rücken oder in den Beinen, Parästhesien bis hin zu einer vollständigen Lähmung. Insbesondere bei jüngeren Kindern gestaltet sich die Diagnose als Herausforderung, da sie häufig nicht in der Lage sind, ihre Beschwerden adäquat zu verbalisieren. Zudem erschwert sich die Zusammenarbeit bei neurologischen Untersuchungen, und es besteht die Möglichkeit, dass kurzzeitige Symptome wie Parästhesien nicht ausreichend beachtet werden. Es ist evident, dass Kinder und Jugendliche, die an Querschnittslähmung sowie korrespondierender Wirbelfraktur oder -dislokation leiden, gleichermaßen wie Erwachsene operativ behandelt werden sollten. Wie bei der erwachsenen Patientengruppe ist auch hier die zügige Laminektomie und die kurzstreckige dorsale Instrumentierung zu empfehlen, wobei das Risiko einer wachstumsbedingten Ausbildung einer skoliotischen oder kyphotischen Fehlstellung besteht [22].

Verletzungen der oberen HWS

Verletzungen des 1. und 2. Wirbelkörpers können nach den auch beim Erwachsenen üblichen Klassifikationen (Gehweiler, Anderson/D’Alonzo, Effendi etc.). eingeteilt werden. Aufgrund der zuvor erwähnten anatomischen Unterschiede sind Verletzungen der oberen Halswirbelsäule signifikant häufiger bei Kindern in der Altersgruppe 0–9 Jahre im Vergleich zu älteren Kindern [23] und bedürfen einer vermehrten Aufmerksamkeit im Notfallgeschehen. So kommt es bei atlanto-occipitale Distraktionsverletzungen (AOD) häufig zu einer schweren Myelonschädigung bei einer hohem prähospitalen Sterblichkeit [6]. Nach der zügigen Diagnosestellung ist hier die sofortige Reposition und Retention essenziell. In Abhängigkeit der Dislokation können hierbei 3 Typen unterschieden werden. Typ I beinhaltet eine anteriore Verschiebung des Okziputs in Bezug auf den Atlas, während es beim Typ II zu einer longitudinalen Distraktion mit einer Trennung des Okziputs vom Atlas kommt. Eine posteriore Verschiebung des Okziputs auf dem Atlas wird als Typ III klassifiziert [24]. Neben dem CT ist hier zur Beurteilung der Bandstrukturen das MRT essenziell. Die Behandlung der atlantooccipitalen Distraktion ist ein chirurgischer Notfall und zielt darauf ab, das Überleben zu sichern, neurologische Schäden zu minimieren und eine langfristige Stabilität des kraniozervikalen Übergangs zu gewährleisten. Die Pfeiler der Therapie bestehen hier aus Atemwegssicherung, Kreislaufstabilisierung, eine absolute Immobilisierung der HWS, gegebenenfalls frühzeitig mit Halo-Fixateur als konservative Therapieoption [25] und die chirurgische Therapie mittels einer okzipitozervikale Fusion [26].

Die Subluxation im atlantoaxialen Segment wiederum wird oftmals aufgrund der diagnostischen Schwierigkeiten zu spät erkannt. Falls nur eine Röntgendiagnostik durchgeführt wird, ist die Messung des atlantodentalen Intervalls (ADI) mit einer Grenze von 4 mm erforderlich [27]. Neben dem ADI ist auch der „Space Available for Cord“ (SAC) ein wichtiger Parameter [28]. Dies ist der Abstand zwischen der hinteren Oberfläche des Dens und der vorderen Oberfläche des posterioren Bogens des Atlas. Ein reduzierter SAC-Wert von unter 13 mm kann auf eine Rückenmarkskompression hinweisen, selbst wenn das ADI nur grenzwertig erhöht ist. Die Einteilung erfolgt bei der Atlanto-Axialen-Subluxation (AAS) nach Fielding und Hawkins. Hier muss zwischen der Translatorischen Instabilität mit Verletzung der in Translationsrichtung stabilisierenden Bänder (Gelenkkapsel, Lig. transversum atlantis), welche durch eine konservative Therapie häufig zu persistierenden Instabilitäten neigt, und der rotatorischen Instabilität unterschieden werden. Letztere ist eine der häufigsten Ursachen des kindlichen Schiefhalses [29], welcher sich in der Regel innerhalb weniger Wochen vollständig regeneriert.

Verletzungen der subaxialen Wirbelsäule

Ältere Kinder erleiden häufiger Verletzungen im subaxialen Bereich [23]. Diese werden bei kleinen Kindern unter 8 Jahren nach Salter und Harris eingeteilt. Kommt es zu einer Fraktur der knorpeligen Wirbelkörperendplatten und Wachstumsfuge, so handelt es sich bei einer Lösung der unteren knorpeligen Wirbelkörperendplatte um eine Salter-Harris-I-Verletzung, bei einem Abbruch der vorderen unteren Wirbelkörperkante um eine Salter-Harris-III-Läsion. Ab etwa 8–10 Jahre erfolgt die Fraktureinteilung nach der gebräuchlichen AO-Klassifikation. Als weitere Besonderheit bei älteren Kindern ist die Einteilung nach Tahada und Eppstein für Apophysenverletzungen im Sinne einer Dislokation der ringförmigen Wirbelkörperrandleiste nach dorsal zu nennen [30].

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