Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Verletzungen der kindlichen Wirbelsäule
Eine besondere Herausforderung

In der multizentrischen, retrospektiven Childspine-Studie wurden insgesamt 153 Verletzungen der thorakalen und lumbalen Wirbelsäule untersucht. Insgesamt wurden hier 95 Patientinnen und Patienten (62,1 %) konservativ behandelt, während 58 (37,9 %) der Kinder operiert wurden [31]. Als allgemeine Instabilitätskriterien von Frakturen des kindlichen Achsskelett sind zu nennen: Fehlstellung in der Ganzwirbelsäulenaufnahme im Stehen, Wirbelkörperödem größer als zwei Drittel im MRT, Beteiligung einer Bandscheibe, Höhenminderung eines Wirbelkörpers um mehr als 50 %, Fragmentdislokation um mehr als 2 mm, Spinalkanaleinengungen von 50 % [32]. Ein weiterer Aspekt, der zur Therapieentscheidung herangezogen werden muss, ist die nur geringe Spontankorrektur der Wirbelsäule in der koronaren Ebene, insb. ab einem Schluss der Wachstumsfugen ab Risser Stadium 3 (50–75 % Verknöcherung der Crista iliaca). Hier erhöht sich das Risiko zur Ausbildung einer posttraumatischen Skoliose [33]. Verletzungen der Brust- und Lendenwirbelsäule mit der Ausbildung einer posttraumatischen Segmentkyphose von über 20° können auch durch das Längenwachstum ebenfalls nicht mehr vollständig korrigiert werden und somit die sagittale Balance verändern [32]. Je älter das Kind ist, desto eher fällt die Entscheidung zur operativen Therapie analog zur Behandlung von Erwachsenen. Hier sollte sich für eine möglichst kurzstreckigen, minimalinvasiven dorsalen Instrumentierung im Bereich der thorakolumbalen Wirbelsäule aber auch die kurzstreckige Stabilisierung der subaxialen Halswirbelsäule entschieden werden (Abb. 3).

Eine Materialentfernung sollte in Abhängigkeit des Patientenalters und des erwarteten Körperwachstums ggf. frühzeitig nach 6–9 Monaten erfolgen, um das Wachstum nicht zu kompromittieren.

Bei jüngeren Kindern können zumeist wegen des nur gering ausgebildeten, dünnen Weichteilmantels am Rücken und der engen Pedikel kaum Schrauben-Stab-Systeme im Sinne eines Fixateur interne implantiert werden. Da es sich bei den Operationsindikationen in dieser Altersgruppe zumeist um dorsale Zerreißungen der ligamentären Strukturen handelt und die Verletzungen üblicherweise sehr rasch ausheilen, können hier zuggurtende Cerclagen um die Dornfortsätze oder um die Wirbelbögen eine Alternative darstellen (Abb. 4) [29].

Bei stabilen Kompressionsfrakturen wird eine konservative Therapie empfohlen. Hier gibt es 2 konträre Therapieansätze: Einerseits die Reposition, Retention und Übungsbehandlung nach Böhler [34], andererseits die funktionelle Behandlung mit Anpassung eines Stützmieders ohne Retention und frühzeitige isometrischer Muskelaufbau nach Magnus [35]. Wichtig bei jeglicher konservativer Therapie sind regelmäßige klinische und radiologische Verlaufskontrollen mit einer Anbindung über 1 Jahr hinweg, um etwaige sekundäre Dislokationen oder Ausbildung von Fehlstellung mit muskulären Dysbalancen frühzeitig zu erkennen.

Es ist außerdem festzuhalten, dass nicht nur Hochrasanztraumata Verletzungen der kindlichen Wirbelsäule verursachen, sondern auch Bagatelltraumata oder überhaupt keine erinnerlichen Traumata. Der Begriff des Vertebra plana wurde erstmals 1927 von Buchman et al. geprägt. Das vorliegende Krankheitsbild ist insgesamt selten und zeichnet sich durch eine charakteristische Plattwirbelkonfiguration aus, die bereits im nativen Röntgenbild der thorakolumbalen Wirbelsäule erkennbar ist. Diese Konfiguration ist jedoch nicht als pathognomisches Merkmal der Langerhans-Zell-Histiozytose zu werten. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass eine Vielzahl von Differentialdiagnosen in Betracht zu ziehen ist. Das Akronym „HEIGHT OF HOMO“ (Histiocytosis, Ewing Sarkom, Infektion, Giant cell tumor, Tuberkusose, Osteogenesis imperfecta, Fraktur, Hämangiom, Osteoblastom, Metastase, Osteomyelitis) fungiert als Gedächtnisstütze. [36]. Die Therapie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache und bedarf in den seltensten Fällen eine operative Stabilisierung.

Interessenkonflikte:

Keine angegeben.

Das Literaturverzeichnis zu
diesem Beitrag finden Sie auf:
www.online-oup.de.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Simon Schramm

Universitätsklinikum Erlangen

Unfallchirurgische und

Orthopädische Klinik

Friedrich-Alexander-Universität

Erlangen-Nürnberg

Lehrstuhl für Unfallchirurgie und

Orthopädie

Krankenhausstr. 12

91054 Erlangen

simon.schramm@uk-erlangen.de

SEITE: 1 | 2 | 3 | 4