Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Verletzungen der kindlichen WirbelsäuleEine besondere Herausforderung
Eine subaxiale Hypermobilität resultiert zusätzlich durch die noch horizontale Ausrichtung der Facettengelenke und eine vordere Keilbildung der Wirbelgelenke. Dies begünstigt neben den elastischen Bändern und Kapseln eine Anfälligkeit für Beugungskräfte. Das Fehlen lordotischer Krümmungen und die unvollständige Ossifikation der Wirbelkörper sind weitere Faktoren, die die Anfälligkeit für Wirbelsäulenverletzungen begünstigen [7].
Diagnostisches Vorgehen
Kinder können nach einem Unfall äußerst emotional reagieren. Hier ist eine ruhige Atmosphäre wichtig, um ein besonders sicheres Umfeld mit, sofern möglich, anwesenden Elternteilen in einer Stresssituation zu generieren. Die Literatur zeigt, dass 1 Woche nach einem Verkehrsunfall bis zu 11 % der Kinder die diagnostischen Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung erfüllen können [8]. Insofern ist ein strukturiertes, zügiges Vorgehen z.B. nach dem ATLS-Schema wichtig. Vor allem jüngere Kinder und Säuglinge weinen in solch einer Stresssituation häufig. Um dennoch die Schmerzintensität zu validieren gibt es hierzu verschiedene, für Kinder entwickelte Scores, wie zum Beispiel den Alder Hey Triage Pain-Score (AHTPS) [9]. Fünf Beobachtungspunkte werden identifiziert und quantifiziert: Stimme/Schrei, Mimik, Körperhaltung/-spannung, Bewegung und Hautkolorit. Jede dieser Kategorien kann eine Punktzahl von 0, 1 oder 2 erreichen, was zu einer Gesamtpunktzahl zwischen 0 (keine Schmerzen) und 10 (stärkste Schmerzen) führt (Tab. 1).
Nach erfolgtem Primary Survey kommt es im Rahmen des Secondary Survey zur Entscheidungsfindung, ob eine Bildgebung indiziert ist, und wenn ja, welche. Bei erwachsenem Patientenkollektiv gibt es mit der Canadian-C-Spine-Rule [9] und den NEXUS-Kriterien (National Emergency X-Radiography Utilization Study) [10] 2 diagnostische Algorithmen, die die Entscheidungsfindung für eine bildgebende Diagnostik zur Detektion von Verletzungen der Halswirbelsäule bei stattgehabtem Trauma unterstützen. In einem Cochrane Review, in welchem 5 Studien mit insgesamt über 20.000 Kindern betrachtet wurden, wird jedoch aufgeführt, dass diese bei Erwachsenen erprobten Tools bei Kindern unter 8 Jahren zwar eine gute Sensitivität haben, jedoch aufgrund der geringen Spezifität oft zu einer unnötigen Strahlenbelastung führen [11]. Diese Scores sind bei Kindern nur eingeschränkt anwendbar.
Für die Entscheidungsfindung bezüglich der Bildgebung hat sich die 2024 publizierte PECARN C-Spine Imaging Rule (Pediatric Emergency Care Applied Research Network) etabliert (Abb. 1). Die vorliegende Regel klassifiziert Patientinnen und Patienten in 3 Risikogruppen. Die Einstufung in die Kategorie „hohes Risiko“ erfolgt bei Kindern mit schwerwiegenden Befunden, wie bspw. einem niedrigen Glasgow Coma Scale (GCS 3–8) oder einem nicht ansprechbaren Zustand. Darüber hinaus sind Patientinnen und Patienten mit abnormer Atmung, abnormer Durchblutung oder fokalen neurologischen Defiziten zu berücksichtigen. In diesen Fällen ist eine Computertomografie indiziert. Liegen keine der zuvor genannten Hochrisikofaktoren vor, erfolgt eine Prüfung der mittleren Risikofaktoren. Es handelt sich um mäßig veränderte mentale Zustände (GCS 9–14), selbst berichtete Nackenschmerzen oder Druckempfindlichkeit bei der Untersuchung sowie eine erhebliche Kopf- oder Rumpfverletzung. Liegen keine Risikofaktoren aus den oberen beiden Stufen vor, kann eine klinische Freigabe der Halswirbelsäule ohne Bildgebung in Betracht gezogen werden. Gemäß den Angaben des Autorenteams beträgt die Sensitivität 94,3 %, während die Spezifität 60,4 % beträgt [12].
Die Bildgebung der kindlichen Wirbelsäule bereitet bei der Befundung häufig Schwierigkeiten in der Abgrenzung zwischen Knochenkernen, Wachstumsfugen, physiologischen Hypermobilitäten zu wirklichen Pathologien. Häufige entwicklungsbedingte Fallstricke sind hier zu beachten. Auch gesunde, ältere Kinder haben häufig eine kyphotische Stellung der gesamten Wirbelsäule ohne Krankheitswert. Der Knochenkern an der Densspitze ist ab dem 6. Lebensjahr im Röntgen sichtbar und verschmilzt etwa mit dem 12. Lebensjahr mit der Densspitze. Der atlantodentale Abstand ist beim Kind bis etwa 7 Jahre mit 5 mm rund 2 mm größer als beim Erwachsenen. Bei Extensionsbewegungen des Kopfes treten bis zu diesem Alter auch häufig Pseudosubluxationen bis zu 4 mm zwischen C2/C3 und C3/C4 auf. Um keine echte, traumatische Luxation zu übersehen, ist zur Beurteilung die Swischuk-Linie (vertikale spinolaminäre Linie, die vom vorderen Rand des hinteren Bogens von C1 zum vorderen Rand des hinteren Bogens von C3 gezogen wird) wichtig (Abb. 1). Der vordere Rand des hinteren Bogens von C2 sollte normalerweise innerhalb von 2 mm dieser Linie liegen. Ein Abstand von mehr als 2 mm deutet hier auf eine Pathologie hin. Ein retropharyngealer Weichteilschatten kann ein Hinweis auf Hämatome sein und sollte nicht mehr als 7 mm, der retrotracheale Abstand zur Wirbelsäule nicht mehr als 22 mm betragen. Falsch positive Befunde liegen hier jedoch häufig bei schreienden Kindern vor, da sich Larynx und Pharynx hier nicht in einer neutralen Stellung befinden können Die Halswirbel von Kindern weisen eine typische, entwicklungsbedingte anteriore Keilstellung auf, insb. bei C3 und C4, wo der Unterschied zwischen den hinteren und vorderen Höhen der Wirbelkörper bis zu 3 mm betragen kann. Normale Synchondrosen mit glatten, regelmäßigen Rändern und subchondralen sklerotischen Linien können als Frakturen missinterpretiert werden [5, 13, 14].
All diese Punkte erschweren die Diagnosestellung einer Verletzung an der Wirbelsäule. Prinzipiell können übersehene oder aber unterschätzte Verletzungen weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Durch den hohen Anteil an diskolaminären Verletzungen, das Auftreten von mehreren, seriellen Kompressionsfrakturen und die Strahlensensibilität bei Heranwachsenden hat das MRT einen großen Stellenwert bei verunfallten Kindern. Die Computertomografie findet jedoch weiterhin ihre Anwendung bei polytraumatisierten Kindern entsprechend dem ATLS-Konzept und des beschriebenen PECARN-Algorithmus. Insbesondere bei bewusstlosen oder nicht sprechende Kindern, unklaren Röntgenbefunden, sowie neurologische Symptome ohne radiologische Auffälligkeiten liefert das MRT wichtige Zusatzinformationen und kann okkulte Verletzungen detektieren bzw. Verletzungen ausschließen, um eine zügige Bewegungsfreigabe zu ermöglichen (Abb. 2) [15].
