Übersichtsarbeiten - OUP 04/2026

Gescheiterte inverse Prothese und Glenoidaufbau im Revisionsfall

Robert Hudek, Lars Victor von Engelhardt

Zusammenfassung:
Die inverse Schultertotalendoprothese (RSA) hat sich als sehr wirksame Behandlungsoption sowohl bei primären als auch sekundären knöchernen Defekten im Revisionsfall erwiesen. Nach einer gescheiterten inversen Prothese können ausgeprägte Defekte im Glenoid vorliegen. Diese Übersichtsarbeit fasst rekonstruktive Optionen zum Wiederaufbau eines glenoidalen Knochendefekts und knöcherne Aufbautechniken mit Auto- oder Allografts zusammen. Auch der Einsatz metallisch augmentierter Basisplatten sowie moderne patientenindividuelle Implantate aus dem 3D-Druck sind möglich. Unter dem Einsatz einer präzisen, präoperativen 3D-Planung kann eine zuverlässige Rekonstruktion mit guten klinischen Ergebnissen, sowohl einzeitig, als auch zweizeitig gelingen.

Schlüsselwörter:
Schulterprothese, Revision, Glenoidaufbau, 3D-Planung, Allograft, patientenindividuelle
Implantate

Zitierweise:
Hudek R, von Engelhardt LV: Gescheiterte inverse Prothese und Glenoidaufbau im Revisionsfall
OUP 2026; 15: 159–168
DOI 10.3238/oup.2026.0159-0168

Summary: Reverse shoulder arthroplasty (RSA) has proven to be a highly effective treatment option for both primary and secondary osseous defects in the revision setting. Following failure of a reverse prosthesis, substantial glenoid defects may be present. This review summarizes reconstructive options for the management of glenoid bone loss, including bony reconstruction techniques using autografts or allografts. The use of metal-augmented baseplates as well as modern patient-specific 3D-printed implants is also feasible. With the aid of precise preoperative 3D planning, reliable reconstruction with good clinical outcomes can be achieved in both one-stage and two-stage procedures.

Keywords: Shoulder arthroplasty, revision, glenoid reconstruction, 3D planning, allograft, patient-specific implants

Citation: Hudek R, von Engelhardt LV: Failed reverse implant and glenoid reconstruction in revision shoulder arthroplasty
OUP 2026; 15: 159–168. DOI 10.3238/oup.2026.0159-0168

R. Hudek: ATOS Klinik Fleetinsel Hamburg, Hamburg & Fachbereich Medizin, Orthopädie und Unfallchirurgie, Philipps-Universität, Marburg

L.-V. von Engelhardt: Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke, Witten & Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sportmedizin, Klinikum Peine, Peine

Revision einer inversen Schulterprothese

Mit der steigenden Zahl implantierter inverser Schulterprothesen (reverse shoulder arthroplasty, RSA) nimmt zwangsläufig auch die Zahl der erforderlichen Revisionsoperationen zu [1]. Die inverse Schulterprothese zeigt heute sehr gute funktionelle Ergebnisse bei Defektarthropathie, Omarthrose und Frakturfolgen und hat sich als „working horse“ in der Revisionsendoprothetik etabliert. Sie wird unter anderem zur Revision von Hemiprothesen, anatomischen Totalprothesen und auch gescheiterten inversen Prothesen verwendet. Entsprechend ist in den letzten 20 Jahren die Zahl der Revisionen fast parallel zur Zahl der Primärimplantationen gestiegen [2]. Da man in der primären Schulterendoprothetik mit einem weiteren Anstieg rechnet, ist analog mit einem weiteren Anstieg von Revisionsendoprothetik zu rechnen [3]. Eine multizentrische Studie berichtet, dass in 48 % aller Schulterrevisionen eine inverse Prothese verwendet wird und in 75 % der RSA-Revisionen wieder mit einer RSA versorgt wird [2]. Historische Alternativen nach gescheiterter inverser Prothese sind die Resektionsarthroplastik oder die Hemiprothese. Beide Verfahren zeigen aber schlechtere Ergebnisse, die mutmaßlich auf die verloren gegangenen Weichteile, die fehlende Rotatorenmanschette und die hieraus resultierende fehlende Stabilität zurückgeführt werden können. Die Zuverlässigkeit der RSA bei der Revision von Hemiprothesen und anatomischen Totalendoprothesen wird ihrer Fähigkeit zugeschrieben, sowohl knöcherne Defizite als auch Weichteilinsuffizienzen auszugleichen. Wird eine RSA zur Revision einer bereits implantierten RSA eingesetzt, lassen sich ebenfalls gute funktionelle Ergebnisse erzielen, sodass dieses Vorgehen als sinnvolle Behandlungsoption gilt [4]. Trotz der in den vergangenen Jahren deutlich verbesserten Operationstechniken bleibt die Komplikationsrate jedoch hoch. Dies gilt insbesondere für die Revision der fehlgeschlagenen RSA, da diese Fälle häufig mit ausgeprägten knöchernen und weichteiligen Defekten einhergehen und in der Regel eine Rekonstruktion mittels Allograft erfordern. Komplikationsraten von bis zu 25 % unterstreichen die hohe Komplexität dieses Verfahrens [4]. Ein wesentlicher Vorteil der inversen Prothese im Revisionsfall ist deren stabile glenoidale Fixation, die auch knöcherne Augmentationen ermöglicht und zugleich die Funktion über den Deltamuskel sichert. Voraussetzung für eine erfolgreiche Revisionsoperation sind neben einem suffizienten Weichteilmantel vor allem eine stabile Verankerung der Basisplatte am Glenoid. Diese wird maßgeblich durch das Ausmaß des knöchernen Defekts, die daraus resultierenden Verankerungsmöglichkeiten, die Ausrichtung der Komponenten sowie das mögliche Vorliegen eines Low-grade-Infekts bestimmt.

Glenoiddefekte

Pathologien des Glenoids zählen sowohl bei anatomischen als auch bei inversen Schulterprothesen zu den häufigsten Ursachen für eine Revisionsoperation. Bei der Revision inverser Prothesen mit Glenoiddefekten erfolgt der Defektaufbau abhängig von Defektgröße und Begleitpathologie, beispielsweise einem Infekt, ein- oder zweizeitig sowie entweder knöchern oder mithilfe metallischer endoprothetischer Augmentation. Mehrere Klassifikationssysteme glenoidaler Defekte bei inversen Prothesen wurden bisher verö?entlicht [5–9]. Bisher gibt es aber kein standardisiertes Klassifikationssystem. Alle bisherigen Klassifikationen berücksichtigen leider nicht die Knochenqualität der verbleibenden Scapula, deren Einfluss auf die kurz- und langfristige Stabilität der Glenoidkomponente noch nicht hinreichend untersucht ist. Im Jahr 2001 entwickelten Antuna et al. ein Klassifikationssystem zur Beurteilung von Glenoiddefekten bei der Revision anatomischer Schultertotalprothesen [10]. Dieses System unterteilt die Defekte in zentrale, periphere und kombinierte Formen, die jeweils nach ihrem Schweregrad als leicht, mittelschwer oder schwer klassifiziert werden.

Williams und Iannotti [11] modifizierten diese Einteilung und ergänzten sie um die Beurteilung der Intaktheit des Glenoidkelchs. Die Klassifikation nach Seebauer et al. [9] (Abb. 1b) bewertet zudem die erhaltene Substanz des gesamten Glenoidkelchs, um dessen Eignung für die Verankerung einer Basisplatte zu beurteilen und daraus therapeutische Empfehlungen abzuleiten. Sie unterscheidet vier zentrische, sogenannte „contained“ Defekte (C-Defekte) und vier exzentrische Schweregrade, „uncontained“ Defekte (E-Defekte) und differenziert exzentrische Defekte zusätzlich nach ihrer Hauptrichtung [9]. Für die Beurteilung der C-Defekte sind die zentrale Defekttiefe und das Ausmaß der medialen Erosion relevant. Zusätzlich werden der laterale und mediale Ansatzpunkt des Korakoids, die Integrität des peripheren knöchernen Rings der Glenoidwand sowie der Erhalt des Glenoidkelchs („glenoid vault“ [11]) berücksichtigt. Beim C4-Defekt ist der gesamte Knochensockel inklusive Korakoidbasis nach medial bis zum Abgang der Spina scapulae erodiert und es verbleibt lediglich Restknochen des Schulterblatts. Kombinierte Defektformen sind nicht selten [9]. Gohlke et al. haben 2017 eine weitere Defektklassifikation am Glenoid vorgestellt [12]. Diese unterteilt die Defekte in fünf Schweregrade (Abb. 1a). Auf Grundlage ihrer Erfahrungen mit inversem Gelenkersatz bei chronisch verhakten Luxationen empfehlen die Autoren eine Verankerung des zentralen Zapfens von mindestens 10 mm im nativen Knochenlager sowie eine Auflage von mindestens 40 % der Basisplatte. Dies steht im Einklang mit biomechanischen In-vitro-Studien, die zeigen, dass mindestens 50 % der Basisplattenfläche in Kontakt mit dem nativen Knochenlager stehen sollten und wenigstens ein Drittel des zentralen Zapfens im nativen Knochen verankert sein sollte [13]. Bei der Beurteilung des knöchernen Defekts in der Di?erenzialtherapie der Operationsstrategie (knöcherner Aufbau, „Composite-graft-Technik“, metallischer Aufbau, „Custom-made-Implantat“, ein- oder zweizeitiges Vorgehen) sind folgende Faktoren entscheidend:

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