Übersichtsarbeiten - OUP 02/2026
Häufige knöcherne Verletzungen der Hand und des Handgelenks
Philipp Koehl, Libor Mada, Alexander Schuh
Zusammenfassung:
Mit einer Lebenszeitprävalenz von 44 % bei Erwachsenen im Alter von 55 Jahren oder älter sind Frakturen nach wie vor ein großes Problem der öffentlichen Gesundheit, wobei die Frakturwahrscheinlichkeit aufgrund von Osteoporose mit dem Alter stark zunimmt. Die distale Radiusfraktur ist die dritthäufigste Fraktur in Deutschland. Skaphoidfrakturen stellen die weitaus häufigsten Brüche der Handwurzelknochen dar und führen bei inadäquater Diagnostik und Therapie oft zu problematischen Heilungsverläufen. Eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung und differenzierte Bildgebung helfen, Frakturen nicht zu übersehen, korrekt einzuschätzen und die bestmögliche Behandlung vorzunehmen und damit optimale Ergebnisse zu erzielen. In Abhängigkeit der Fraktur können konservative, wie auch operative Therapieverfahren indiziert sein. Insbesondere bei der konservativen Therapie sind regelmäßige und engmaschige Röntgenkontrollen erforderlich.
Schlüsselwörter:
Handgelenk, Hand, Frakturen, Diagnostik, Therapie
Zitierweise:
Koehl P, Mada L, Schuh A: Häufige knöcherne Verletzungen der Hand und des Handgelenks
OUP 2026; 15: 65–73
DOI 10.53180/oup.2026.0065–0073
Summary: With a lifetime prevalence of 44 % in adults aged 55 or older, fractures remain a major public health problem, with the likelihood of fracture due to osteoporosis increasing significantly with age. Distal radius fractures are the third most common type of fracture in Germany. Scaphoid fractures are by far the most common type of carpal bone fracture and often lead to problematic healing if not diagnosed and treated properly. A careful medical history, physical examination, and differentiated imaging help to ensure that fractures are not overlooked, are correctly assessed, and are treated in the best possible way, thus achieving optimal results. Depending on the fracture, conservative or surgical treatment may be indicated. Regular and close X-ray monitoring is particularly important in conservative treatment.
Keywords: Wrist, hand, fractures, diagnosis, treatment
Citation: Koehl P, Mada L, Schuh A: Common bone injuries of the hand and wrist
OUP 2026; 15: 65–73. DOI 10.53180/oup.2026.0065–0073
P. Koehl: Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinikum Fichtelgebirge, Marktredwitz
L. Mada: Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sektion Handchirurgie, Klinikum Fichtelgebirge, Marktredwitz
A. Schuh: Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sektion für Muskuloskelettale Forschung, Klinikum Fichtelgebirge, Marktredwitz
Einleitung
Mit einer Lebenszeitprävalenz von 44 % bei Erwachsenen im Alter von 55 Jahren oder älter sind Frakturen nach wie vor ein großes Problem der öffentlichen Gesundheit, wobei die Frakturwahrscheinlichkeit aufgrund von Osteoporose mit dem Alter stark zunimmt. Insgesamt wurden im Jahr 2019 688.403 Frakturen in allen deutschen medizinischen Einrichtungen registriert. Im Vergleich zu 2009 stieg die Inzidenz um 14 % auf 1014/100.000 Einwohner an [17, 27]. Die korrekte Therapie und Nachbehandlung sind essenziell für die Wiederherstellung der Funktion der verletzten Hand [25]. Die distale Radiusfraktur ist die dritthäufigste Fraktur in Deutschland [11, 17, 27]. Skaphoidfrakturen stellen die weitaus häufigsten Brüche der Handwurzelknochen dar und führen bei inadäquater Diagnostik und Therapie oft zu problematischen Heilungsverläufen [18]. Im Folgenden werden wichtige Frakturen von Handgelenk bzw. Hand in der täglichen Praxis bzw. Ambulanz dargestellt.
Anamnese
Zur Erstvorstellung der Patientin oder des Patienten gehört eine detaillierte Unfallanamnese. Dazu zählen die allgemeinen Angaben zum Sturz wie Unfalldatum und -uhrzeit, der Unfallort sowie die Umstände der Unfallentstehung, um u.a. eine Differenzierung zwischen Highenergy- und Lowenergy-Trauma durchführen zu können [1]. Betrachtet wird hier die Stellung der Hand im Radiokarpalgelenk relativ zum Unterarm zum Unfallzeitpunkt, wobei eine Extensionsfraktur nach Colles durch einen Sturz auf die Handfläche und eine Flexionsfraktur nach Smith durch einen Sturz auf den Handrücken entstehen soll. In der klinischen Praxis gibt es hier häufig Diskrepanzen. Der typische Unfallmechanismus der Skaphoidfraktur ist ein Sturz aus Körperhöhe auf das extendierte Handgelenk [7, 12, 18]. Mittelhandfrakturen entstehen als Folge unterschiedlicher Gewalteinwirkungen, häufig im Rahmen von Arbeits- und Sportunfällen. Durch die meist direkte Traumatisierung findet sich oft ein begleitender Weichteilschaden. Hierzu gehören auch Schlagverletzungen mit Hautläsionen, Kontamination mit Speichel und somit erhöhtem Infektionsrisiko [22, 25].
Untersuchung
Die obligate körperliche Untersuchung darf sich nicht nur auf die offensichtlich betroffene Körperregion fokussieren, sondern muss in Abhängigkeit vom Unfallmechanismus weiterführende körperliche Untersuchungen beinhalten. Vor allem die angrenzenden Gelenke Ellenbogengelenk (Radiusköpfchen), Unterarm, Handgelenk, Handwurzel und Mittelhand müssen differenziert untersucht und der aktuelle Haut- und Weichteilstatus dokumentiert werden, um Begleitverletzungen nicht zu übersehen (Tab. 1).
Es wird auf Weichteilschäden, Prellmarken, Schürfungen, Hämatom, Wunden im Frakturbereich (offene Fraktur), Fehlstellung (Abb. 1), Vorschäden oder Narben geachtet [1]. Bei der Inspektion der Hand können neben Verkürzungen (eingesunkener Metakarpalkopf) und Rotationsfehlstellungen Achsenabweichungen festgestellt werden. Das Vorliegen einer Rotationsfehlstellung prüft man beim Faustschluss, hierbei sollten alle dreigliedrigen Finger in Richtung Kahnbein weisen. Ein Über- bzw. Unterkreuzen von Fingern weist auf das Vorliegen einer Rotationsfehlstellung hin [13, 22, 25].
Die Palpation umfasst Druckschmerz über dem distalen Radius, über dem distalen Radioulnargelenk, Druckschmerz über der distalen Ulna, Druckschmerz in der Tabatière und Daumenstauchungsschmerz und Mittelhandknochen. Die Überprüfung der peripheren Durchblutung, Motorik und Sensibilität erfolgt immer im Seitenvergleich, um eine diskrete Abschwächung der Qualitäten nicht zu übersehen [1, 11].
In der Prüfung der Beweglichkeit zeigt sich bei Frakturen eine Functio laesa. Diese sollte v.a. bei palpatorisch auslösbarer Krepitation oder Krepitation bei vorsichtiger Bewegung nicht näher untersucht werden [11].
