Übersichtsarbeiten - OUP 03/2025

Schultergelenkersatz bei Schultergelenkinstabilität
Behandlung der chronischen Instabilitätsarthrose, der akuten Instabilität bei älteren Patientinnen und Patienten und der chronisch verhakten Schulterluxation

Anna-Katharina Nolte, Lars-Johannes Lehmann, Michael Kimmeyer

Zusammenfassung:
Die primär-traumatische Schultergelenkluxation ist überwiegend eine Verletzung des jungen Menschen. Unabhängig von einer darauffolgenden konservativen oder operativen Therapie ist das Risiko der Entwicklung einer späteren symptomatischen Instabilitätsarthrose erhöht. Durch eine exzentrische Belastung des Glenoids über die Zeit entwickelt sich häufig ein dorsaler Glenoidverbrauch. Dieser, sowie ausgeprägte ventrale und dorsale Knochenverluste oder auch gleichzeitig auftretende Rotatorenmanschettenläsionen stellen Herausforderungen für die Planung und Durchführung des Gelenkersatzes dar, die postoperativen Komplikationsraten sind erhöht. Die anatomische Prothese ist aktuell noch der am häufigsten implantierte Prothesentyp zur Behandlung der Instabilitätsarthrose in Deutschland. Häufige Komplikationen nach anatomischem Gelenkersatz sind jedoch die postoperative Instabilität, Lockerung der glenoidalen Komponente und der Verlust des Bewegungsumfangs. Das revisionsfreie Überleben wird nach 10 Jahren mit nur 61 % angegeben. Angesichts der geringeren Komplikationsraten und der guten klinischen Ergebnisse ist ein Trend zur Implantation inverser Prothesen für das Krankheitsbild der Instabilitätsarthrose zu erwarten.
Auch für Patientinnen und Patienten, die im hohen Alter erstmalig luxieren und sich dabei auf dem Boden einer degenerativen Vorschädigung der Rotatorenmanschette eine irreparable Rotatorenmanschettenmassenruptur oder eine Rotatorenmanschettenruptur bei vorbestehender Arthrose zuziehen, ist die inverse Prothese die Versorgung der Wahl.
Die chronisch verhakte Schultergelenkluxation ist ein selteneres Krankheitsbild und resultiert meist aus einem zurückliegenden Trauma. Der glenoidale Knochenverlust sowie der weichteilige Schaden durch die oft langanhaltende Fehlposition des Humeruskopfes stellen erhebliche Herausforderungen dar, der endoprothetische Ersatz ist bisher mit hohen Komplikationsraten verbunden. Daher wurde durch die eigene Arbeitsgruppe ein neues Subklassifikationssystem entwickelt, das sich nach der Luxationsrichtung und dem glenoidalen Knochenverlust richtet. Erste Anwendungen dieser Klassifikation führten zu einer im Vergleich niedrigen Komplikations- und Revisionsrate sowie zu positiven klinischen Ergebnissen.

Schlüsselwörter:
Schultergelenkinstabilität, Instabilitätsarthrose, Defektarthropathie, chronische verhakte Luxation

Zitierweise:
Nolte A-K, Lehmann L-J, Kimmeyer M: Schultergelenkersatz bei Schultergelenkinstabilität. Behandlung der chronischen Instabilitätsarthrose, der akuten Instabilität bei älteren Patientinnen und Patienten und der chronisch verhakten Schulterluxation
OUP 2025; 14: 110–118
DOI 10.53180/oup.2025.0110-0118

Summary: First-time traumatic shoulder joint dislocations predominantly affect young individuals. Regardless of subsequent conservative or surgical treatment, the risk of developing a symptomatic chronic dislocation arthropathy is increased. Over time, eccentric loading of the glenoid can result in posterior glenoid wear. This, along with ventral or posterior bone loss, as well as concomitant rotator cuff lesions, complicates the planning and procedure of joint replacement surgery, resulting in elevated postoperative complication rates. Currently, anatomic arthroplasty remains the most common procedure for the treatment of dislocation arthropathy in Germany. However, common complications following anatomical joint replacement include postoperative instability, glenoid component loosening, and loss of range of motion. The revision-free survival rate is reported to be 61 % after 10 years. Given the lower complication rates and favorable clinical outcomes, a trend towards reverse arthroplasty for dislocation arthropathy is anticipated.
Patients who experience their first shoulder dislocation at an advanced age often present with an irreparable rotator cuff tear due to pre-existing degenerative changes in the rotator cuff or may exhibit an acute rotator cuff tear in the context of pre-existing osteoarthritis. In these cases as well, the reverse shoulder prosthesis is considered the treatment of choice.
Chronic locked shoulder joint dislocation is a rare condition, typically resulting from a trauma in the past. Glenoid bone loss and soft tissue damage due to the often prolonged malpositioning of the humeral head pose significant challenges, and arthroplasty has thus been associated with high complication rates. Consequently, our research group has developed a new subclassification system based on the direction of dislocation and the extent of glenoid bone loss. First applications of this classification have led to low complication and revision rates, as well as positive clinical outcomes.

Keywords: Shoulder instability, dislocation arthropathy, fracture sequela, locked fracture dislocations

Citation: Nolte A-K, Lehmann L-J, Kimmeyer M: Shoulder arthroplasty for shoulder instability. Treatment of chronic dislocation arthropathy, acute instability of the elderly and locked fracture dislocations of the proximal
OUP 2025; 14: 110–118. DOI 10.53180/oup.2025.0110-0118

A.-K. Nolte: Klinik für Unfall-, Handchirurgie und Sportmedizin, ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe

L.-J. Lehmann: Klinik für Unfall-, Handchirurgie und Sportmedizin, ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe & Medizinische Fakultät Mannheim, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

M. Kimmeyer: Orthopädisch-Unfallchirurgisches Zentrum, Universitätsmedizin Mannheim

Instabilitätsarthrose

Epidemiologie und Pathophysiologie

Die akute Schultergelenkluxation stellt eine häufige Verletzung bei jungen Menschen dar und betrifft in etwa drei Viertel der Fälle junge Männer im Alter von 20 bis 29 Jahren [1]. Die Luxationsrichtung bei traumatisch bedingten Luxationen ist in über 95 % der Fälle unidirektional nach anterior-inferior gerichtet und führt bei jüngeren Patientinnen und Patienten in bis zu 97 % der Fälle zu einer Schädigung der statischen Stabilisatoren, was sich in einer Abscherung des Kapsel-Labrum-Ligamentkomplexes (Bankart-Läsion) und einer begleitenden Hill-Sachs-Impression am postero-lateralen Humeruskopf äußert [2]. Seltener, typischerweise als Folge einer hohen Krafteinwirkung oder im Rahmen von Rezidivluxationen, kann eine traumatische Erstluxation zu einer knöchernen Impression oder einer Randkantenfraktur im Bereich des antero-inferioren Glenoids führen [3]. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für Verletzungen der Rotatorenmanschette, da diese mit der Zeit zunehmend degeneriert, während das Kapselgewebe über die Zeit weniger elastisch wird [4]. Insbesondere Patientinnen und Patienten, die im Alter von über 25 Jahren eine erstmalige Schulterluxation erleiden, weisen ein erhöhtes Risiko für die Entstehung einer späteren sekundären, sogenannten Instabilitätsarthrose auf [5]. Die Inzidenz für dieses Krankheitsbild wird zwischen 12 % und 62 % angegeben [6].

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