Übersichtsarbeiten - OUP 05/2025

Wirksamkeit der Korsetttherapie bei akuter lumbaler Spondylolyse
Ein systematisches Review

Keywords: spondylolysis, pars defect, pars stress injury, pars interarticularis, vertebral arch, lumbar spine, brace, orthotic device, spinal orthosis, brace therapy, brace treatment.

Citation: Rosemann L-M, Schulz A l, Risch L, Cassel M: Effectiveness of brace therapy for acute lumbar spondylolysis. A systematic review
OUP 2025; 14: 192–201. DOI 10.53180/oup.2025.0192-0201

L.-M. Rosemann, L. Risch, M. Cassel: Universität Potsdam, Hochschulambulanz. Zentrum für Sportmedizin, Potsdam

A. L. Schulz: Universität Potsdam, Hochschulambulanz. Zentrum für Sportmedizin, Potsdam & Fakultät für Medizin, Universitätsmedizin Rostock, Universität Rostock

Einleitung

Die Spondylolyse bezeichnet eine akute oder dauerhafte Spaltbildung im Bereich des Wirbelbogens, welche in der Regel die Pars interarticularis betrifft. Ihre Prävalenz beträgt etwa 4–6 % in der europäischen Gesamtbevölkerung, wobei unter Nachwuchsathletinnen und -athleten in Sportarten mit vertikalen, rotierenden und hyperextendierenden Krafteinwirkungen wie Baseball, Cricket und Fußball, von einer deutlich höheren Rate mit bis zu 35 % auszugehen ist [1]. In ihrer Entstehung sind sowohl anlagebedingte als auch erworbene Ursachen zu nennen. Am häufigsten führt mechanische Überlastung infolge sportlicher Aktivität, etwa durch wiederkehrend rotierende und hyperextendierende Krafteinwirkungen im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS), zur Stressfraktur im Bereich der Pars interartikularis, was synonym mit dem Terminus einer „akuten Spondylolyse“ bezeichnet wird. Diese lumbalen Stressverletzungen, die zu 70–80 % die Segmente L4 und L5 betreffen, zählen zu den häufigsten belastungsinduzierten Symptomatiken im Bereich der kindlichen Wirbelsäule und treten insbesondere bei adoleszenten Leistungssporttreibenden auf [2–5]. Besonders gefährdet sind dabei Athletinnen und Athleten aus Sportarten wie dem Baseball, Cricket, Fußball, Judo, Tennis und Turnen [1, 6]. Die Betroffenen berichten über belastungsabhängige Rückenschmerzen, die je nach Beschwerdeintensität über Tage bis Wochen auch im Alltag bzw. in Ruhephasen bestehen und sich vorrangig bei Reklination und Rotation der LWS verstärken [5]. Eine radikuläre Symptomatik ist hingegen nur selten zu beobachten [7]. Das Vorliegen einer beidseitigen Pathologie erhöht das Risiko für die Entstehung einer Spondylolisthesis, was nicht selten bei Kindern unter 15 Jahren infolge von Stressfrakturen resultiert [8]. Chronische einseitige Spondylolysen sind hingegen meist asymptomatisch und werden häufig zufällig in Röntgen- oder MRT-Diagnostik entdeckt. Sie erfordern in der Regel keine Therapie [9]. Die Graduierung der Spondylolyse erfolgt traditionell anhand der Hollenberg-Klassifikation, die auf MRT-Befunden basiert [10]. Es werden darin 3 akute Stadien vom vierten chronischen Spondylolysestadium im Bereich der Pars interarticularis abgegrenzt. Im sehr frühen Stadium (knöcherne Stressreaktion) zeigen sich lediglich Signalveränderungen im Pedikelbereich in wassersensitiven T2-gewichteten Sequenzen, ohne erkennbare Kortikalisunterbrechung in den T1-Sequenzen. Das frühe Stadium ist durch beginnende kortikale Unterbrechungen ohne vollständige Fraktur (entsprechend einer Stressfissur) gekennzeichnet. Im progressiven Stadium liegt ein deutlicher, meist einseitiger, seltener bilateraler, vollständiger Defekt der Pars interarticularis vor (Stressfraktur). Im vierten terminalen Stadium liegt ein voll ausgebildeter Defekt mit begleitender Sklerosierung und Pseudarthrose vor, was die Abgrenzung zur chronischen Spondylolyse darstellt [1, 10].

In der Therapie von akuten Spondylolysen ist das Ziel, eine knöcherne Frakturkonsolidierung zu erreichen, welche je nach Ausprägungsstadium (ventrale Fissur versus vollständige Fraktur) und Diagnosezeitpunkt mit etwa 3–6 Monaten Dauer lange knöcherne Regenerationszeiten nach sich ziehen, in denen die für die Symptomatik ursächlichen Belastungen ausgesetzt werden müssen. Trotz hoher Dunkelziffer aufgrund nur eingeschränkter Datenlage aus Längsschnittstudien, wird zumeist von einer relativ hohen Fusionsrate von etwa 80–90 % infolge konservativer Behandlungsstrategien ausgegangen [11]. Im Falle einer drohenden „non-union“ werden vor allem im angloamerikanischen und asiatischen Raum operative Fusionstechniken angewendet [12]. Konservative Therapien sind insbesondere bei frühzeitiger Diagnose und einseitigen Defekten erfolgversprechend [13]. Sie umfassen körperliche Schonung, physiotherapeutische Maßnahmen und das Tragen eines Korsetts zur Einschränkung von Hyperextension und Rotation der Wirbelsäule [14]. Starre Korsetts werden dabei für mindestens 12 Wochen ganztägig eingesetzt. Nach Symptomfreiheit im Alltag und in der klinischen Untersuchung kann schrittweise mit aktiver Physiotherapie aus dem Korsett heraus begonnen und das Korsett im Anschluss über mehrere Wochen abgeschult werden. Die Rückkehr zum Sport nach durchgemachter akuter Spondylolyse wird regelhaft frühestens nach 4–6 Monaten angestrebt [11]. Sowohl der allgemeine Nutzen der Korsetttherapie in der Frakturheilung als auch der Einfluss unterschiedlicher Korsetttypen auf die knöcherne Heilung ist jedoch weitgehend ungeklärt. Die Übersichtsarbeit zielt auf die systematische Analyse der Wirksamkeit der konservativen Korsetttherapie bei akuter Spondylolyse hinsichtlich Knochenheilung bzw. -union, Schmerzreduktion und Sportwiedereinstieg ab.

Methoden

Suchstrategie

Die systematische Literaturrecherche wurde in Übereinstimmung mit den PRISMA-Richtlinien (Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses) durchgeführt. Die Suche erfolgte in den Datenbanken PubMed, Scopus und Web of Science mit den nachfolgen, auf dem PICO-Schema basierenden Termini in englischer Sprache:

Patient/Population: patients with acute spondylolysis

Intervention: bracing

Comparison: therapy without bracing if available

Outcome: pain, return to sport, bone healing

Die Suchstrategie umfasste die Verwendung der Booleschen Operatoren (AND; OR), die die folgenden Suchbegriffe kombinierten: spondylo*, pars defect, pars stress injury, bone stress injury, edema, pars interarticularis, vertebral arch, neural arch, lumbar spine, brac*, orthotic device, spinal orthosis, brace therapy, brace treatment. Die Recherchearbeiten wurden von 2 unabhängigen Forschern (L.R. und A.S.) durchgeführt, die die Datenbanksuche eigenständig vom 15.06.2024 bis zum 05.08.2024 abschlossen. Die Ergebnisse beider Recherchen wurden anschließend miteinander verglichen, um Übereinstimmungen und Abweichungen zu identifizieren. Etwaige Diskrepanzen wurden erörtert. Bei Nichterreichen eines Konsens wurde die Entscheidung über Ein- oder Ausschluss der Studie durch eine im Suchprozess unabhängige dritte Person (M.C.) geklärt.

Auswahl der Studien

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