Übersichtsarbeiten - OUP 03/2025
Die infizierte SchulterprotheseWie ermöglichen wir eine sichere Diagnostik und Therapie?
Saad Madi, Valrik Dausch, Alexander Schmitt, Jörn Kircher, Robert Hudek
Zusammenfassung:
Die Behandlung einer infizierten Schulterprothese erfolgt nahezu ausschließlich operativ. Das Keimspektrum bei Schulterinfekten unterscheidet sich erheblich von anderen Gelenkinfektionen wie z.B. dem Hüft- oder Kniegelenk. Das liegt vor allem an Cutibacterium acnes, das bei der Pathogenese eine zentrale Rolle spielt. Zur Beurteilung und Therapieentscheidung müssen daher die Ursachen, der Zeitpunkt, das Keimspektrum sowie mögliche Komorbiditäten berücksichtigt werden. Besonders bei chronischen und den sog. „Low-grade-Infektionen“ ist die Diagnosestellung mitunter schwierig, da typische Infektzeichen und laborchemische Marker völlig unauffällig sein können. Die Behandlung reicht von der arthroskopischen Spülung über das offene Debridement mit Komponententausch bis hin zu mehrzeitigen Prothesenwechseln. Antibiotikabeladene Interimsprothesen gehören dabei zum Goldstandard in der Behandlung. Entscheidend für den Behandlungserfolg sind die frühzeitige Erkennung der Infektion und deren gezielte Therapie, um schwerwiegende Folgeschäden an Weichteilen und Knochen zu vermeiden. Der sichere und zuverlässige Wechsel einer infizierten Schulterprothese ist anspruchsvoll.
Schlüsselwörter:
Cutibacterium acnes, bakterielle Infektionen, Low-grade-Infektion, Prothesenwechsel,
Revisionseingriff Schulter
Zitierweise:
Madi S, Dausch V, Schmitt A, Kicher J, Hudek R: Die infizierte Schulterprothese. Wie ermöglichen wir eine sichere Diagnostik und Therapie?
OUP 2025; 14: 119–126
DOI 10.53180/oup.2025.0119-0126
Summary: Treatment of an infected shoulder prosthesis undoubtedly falls within the spectrum of surgical orthopedic therapy and differs from other joint infections due to the very specific bacterial spectrum, which differs significantly from that in hip or knee implant revision surgery. In shoulder surgery, Cutibacterium acnes plays a central role. In order to decide on further treatment, the cause of an infection, the time of its onset, the bacterial spectrum and comorbidities must therefore be considered. Particularly in the case of chronic and so-called “low-grade infections”, diagnosis is often difficult because typical infection signs and laboratory markers can be completely inconspicuous. Treatment options range from arthroscopic to open debridement with component replacement, to implant revision surgery in one or multiple stages. The use of antibiotic spacers is often the gold standard in treatment. Early detection and targeted therapy are crucial for success and are mandatory to avoid serious consequential damage to soft tissue and bone. The safe and reliable revision surgery of an infected shoulder prosthesis is challenging.
Keywords: Cutibacterium acnes, shoulder infection, periprosthetic infection, low-grade-infection, revision shoulder arthroplasty
Citation: Madi S, Dausch V, Schmitt A, Kicher J, Hudek R: Infected shoulder arthroplasty. How do we provide safe diagnostics and therapy?
OUP 2025; 14: 119–126. DOI 10.53180/oup.2025.0119-0126
ATOS Klinik Fleetinsel Hamburg
Hintergrund
Die Revision einer infizierten Schulterprothese erfordert neben einer präzisen präoperativen Planung vor allem ein koordiniertes und multidisziplinäres Vorgehen. Trotz moderner Behandlungskonzepte werden Patientinnen und Patienten meist durch wiederholte operative Eingriffe, lange Krankenhausaufenthalte, eingeschränkte Mobilität und langwierige Antibiotikatherapien sehr belastet. Vor dem Hintergrund zunehmender Antibiotikaresistenzen muss eine Balance zwischen Wirksamkeit und Verträglichkeit der verwendeten Medikamente gefunden werden. Selbst unter optimalen Behandlungsbedingungen bleibt aber das Behandlungsergebnis in vielen Fällen oft unbefriedigend [1]. Weil in der Schulterchirurgie ein anderes Keimspektrum vorherrscht, können Behandlungskonzepte aus der Hüft- und Kniechirurgie nicht direkt übernommen werden [1, 2]. Mit zunehmender Zahl implantierter Schulterprothesen steigt auch die Zahl der Revisionsfälle, die derzeit bei etwa 4000 pro Jahr liegt [2]. Rund 44 % dieser Revisionseingriffe sind anhand der Daten aus großen skandinavischen Schulterprothesenregistern auf eine Infektion zurückzuführen [3, 4].
Die Besonderheiten des Schultergelenkes wirken sich auf Diagnostik und Therapie aus:
Talgdrüsen und Hautflora
Die Haut über dem Schultergelenk gehört zu den talgdrüsenreichen Körperregionen. Männer haben größere und talghaltigere Drüsen als Frauen [5], was eine höhere Keimdichte der residenten Hautflora zur Folge hat. Insbesondere Cutibacterium acnes (C. acnes), ein gram-positiver, anaerober, Biofilm bildender Keim, dominiert diese Region und findet sich in ähnlicher Dichte auch an Rücken und Sternum. [6, 7].
Limitierte Wirksamkeit der Hautantiseptik
Da die Bakterien sehr tief im Talgfollikel sitzen, sind sie durch präoperative Hautantisepik kaum zu erreichen [4]. Nach der oberflächlichen antiseptischen Behandlung kann sogar eine höhere C. acnes-Keimzahl im Subcutangewebe nachgewiesen werden als auf unbehandelter Haut [8].
Besiedlungsdichte des
Acromions
Die Haut über dem Acromion hat eine 12-fach höhere C. acnes-Dichte als die Haut über dem Knie- oder Hüftgelenk. Entsprechend führt C. acnes die „Hitliste“ bei schulterchirurgischen Revisionseingriffen mit einem Anteil von 37 % unangefochten an, gefolgt von koagulase-negativen Staphylokokken (19 %) und Staph. aureus (4 %) [9].
Mögliche Besiedlung des Gelenkraumes
Es wird vermutet, dass C. acnes als natürlicher Kommensale bereits vor der Implantation den Gelenkraum des nativen Schultergelenks besiedelt, da der Keim bei schulterchirurgischen Ersteingriffen im glenohumeralen Gelenkraum und im AC-Gelenk mit immunhistochemischen Methoden intrazellulär in Synovialzotten nachgewiesen werden konnte [10].
Infektionen nach Schulteroperationen lassen sich nach dem Entstehungszeitpunkt in 3 Hauptgruppen und eine besondere Gruppe, die sogenannten „Low-grade“-Infekte, einteilen:
- 1. Akuter, postoperativer Infekt (0–3 Monate)
- 2. Verzögerter oder chronischer, postoperativer Infekt (3 Monate – 2 Jahre)
- 3. Spätinfekt (> 2 Jahre)
- 4. „Low-grade“-Infekt (meistens spät > 3 Monate)