Übersichtsarbeiten - OUP 02/2026
ESWT bei Erkrankungen der Hand
Alexander Schuh, Philipp Koehl
Lernziele:
Nach Lektüre des Artikels kennen Sie...
die geschichtliche Entwicklung der ESWT und deren Einzug in die Orthopädie, Traumatologie und Handchirurgie
die Möglichkeiten der Behandlung bei Erkrankungen der Hand mittels ESWT
den Wirkmechanismus der ESWT
das Potential der ESWT als regeneratives Verfahren
Zusammenfassung:
Bei der extrakorporalen Stoßwellentherapie (ESWT) handelt es sich um eine akustische Welle mit einer extrem hohen Amplitude in einer kurzen Anstiegszeit, gefolgt von einer längeren negativen Kavitationswelle. Es wird zwischen der radialen und der fokussierten ESWT unterschieden. Der mechanische Impuls durch die ESWT führt zu einer Mechanotransduktion, der zellulären Übersetzung eines mechanischen Reizes in eine biologische Antwort. Gezielt werden Signalwege in behandelten Zellen induziert, die schlussendlich in den regenerativen Effekten der Stoßwellentherapie münden. Die ESWT hat eine entzündungshemmende und antimikrobielle Wirkung und bewirkt eine Unterdrückung der Nozizeption. Indikationen für die ESWT bei Erkrankungen der Hand stellen das Karpaltunnelsyndrom, der M. Dupuytren, die Tendovaginitis de Quervain, der schnellende Finger, die Rhizarthrose, Knochenheilungsstörungen, M. Kienböck, die Handspastik, Wunden und Narben dar.
Schlüsselwörter:
ESWT, Mechanotransduktion, Karpaltunnelsyndrom, M. Dupuytren, Pseudarthrose
Zitierweise:
Schuh A, Koehl P: ESWT bei Erkrankungen der Hand
OUP 2026; 15: 87–96
DOI 10.53180/oup.2026.0087–0096
Summary: Extracorporeal shock wave therapy (ESWT) involves an acoustic wave with an extremely high amplitude in a short rise time, followed by a longer negative cavitation wave. A distinction is made between radial and focused ESWT. The mechanical impulse generated by ESWT leads to mechanotransduction, the cellular translation of a mechanical stimulus into a biological response. Signal pathways are specifically induced in treated cells, ultimately resulting in the regenerative effects of shock wave therapy. ESWT has an anti-inflammatory and antimicrobial effect and suppresses nociception. Indications for ESWT in hand disorders include carpal tunnel syndrome, Dupuytren‘s contracture, De Quervain‘s tenosynovitis, trigger finger, rhizarthrosis, bone healing disorders, Kienböck‘s disease, hand spasticity, wounds, and scars.
Keywords: ESWT, mechanotransduction, carpal tunnel syndrome, Dupuytren‘s contracture, pseudarthrosis
Citation: Schuh A, Koehl P: ESWT for hand disorders
OUP 2026; 15: 87–96 DOI 10.53180/oup.2026.0087–0096
A. Schuh: Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sektion für Muskuloskelettale Forschung, Klinikum Fichtelgebirge, Marktredwitz & Süddeutsches Zentrum für Stoßwellentherapie®, Weiden in der Oberpfalz
P. Koehl: Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinikum Fichtelgebirge, Marktredwitz
Grundlagen der ESWT
Bei der extrakorporalen Stoßwellentherapie (ESWT) handelt es sich um eine akustische Welle mit einer extrem hohen Amplitude in einer kurzen Anstiegszeit, gefolgt von einer längeren negativen Kavitationswelle [2, 10, 12, 31, 50, 53–55]. Der weit verbreitete Begriff „Stoßwelle“ ist physikalisch gesehen nicht ganz richtig. Lediglich bei der fokussierten Anwendung handelt es sich wirklich um Stoßwellen. In der Anwendung sog. radialer Wellen entstehen dagegen Druckwellen. Diese beiden Wellenarten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Entstehung und Charakteristik, die therapeutische Wirksamkeit differiert ebenso [53–55].
Die Erzeugung von Stoßwellen kann elektrohydraulisch, piezoelektrisch oder elektromagnetisch erfolgen. Als Ergebnis entsteht ein Druckimpuls, der in den Körper geleitet wird. Diese Weiterleitung wird, ähnlich wie beim Ultraschall, durch ein Kopplungsmedium erreicht. Durch Reflektoren unterschiedlicher Form und Größe erfolgt eine Fokussierung der größten Energie der Wellen auf das pathologische Gewebe [2, 10, 12, 31, 50, 53–55]. 1980 fand die erste klinische Stoßwellentherapiesitzung im Klinikum Großhadern statt.
Ein Patient mit einem schmerzhaften Nierenstein wurde in einem Wasserbad in Narkose gebadet. Die Stoßwelle wurde hochenergetisch außerhalb des Körpers (daher extrakorporal) generiert und gezielt auf das Nierensteinlager unter Röntgenkontrolle gelenkt, um den Stein zu zertrümmern. Damit hielt die ESWT zunächst in den urologischen Abteilungen in Deutschland Einzug [31, 53–55]. Durch den zufälligen radiologischen Nachweis von ossären Um- beziehungsweise Anbauten im Sinne einer Hypertrophie des Beckenkammes an der Stelle, die die Stoßwelle bei der Behandlung von Harnleiter- oder Blasensteinen durchlaufen hatte, wurde eine stimulierende Wirkung auf den Knochenstoffwechsel erkannt. Dies ebnete den Weg für den Einsatz der ESWT im muskuloskelettalen Bereich (Traumatologie und Orthopädie) [2, 31, 53–55]. Die ESWT wird seit den 90er Jahren bei den Indikationen Tendinosis calcarea der Schulter, Tennisellenbogen, Plantarfasziitis, Pseudarthrosen und der therapierefraktären Achillodynie von den privaten Krankenkassen übernommen, während im GKV-Bereich die ESWT nur bei der therapierefraktären Plantarfasziitis als Kassenleistung anerkannt wird.
In den letzten 20 Jahren hat sich das Verständnis um die Wirkung der ESWT enorm weiterentwickelt, einhergehend mit weiteren Indikationen. Die DIGEST e.V. (Deutschsprachige internationale Gesellschaft für Extrakorporale Stoßwellentherapie) hat in ihrer Leitlinie umfassend die Indikationen der ESWT dargestellt, aufgeschlüsselt nach Standardindikationen (Tab. 1) [50], allgemein anerkannten Indikationen (Tab. 2) [50] und Expertenindikationen bzw. Ausnahmeindikationen (Tab. 3) [50]. Der Vollständigkeit halber sei auf weitere -aktuelle Entwicklungen hingewiesen, die die ESWT bei Pathologien des Rückenmarkes und des Gehirns betreffen.
Wirkmechanismus der ESWT
Der mechanische Impuls durch die ESWT führt zu einer Mechanotransduktion, der zellulären Übersetzung eines mechanischen Reizes in eine biologische Antwort. Gezielt werden Signalwege in behandelten Zellen induziert, die schlussendlich in den regenerativen Effekten der Stoßwellentherapie münden [10, 12, 31, 50, 53–55]. Regenerationsmechanismen, die als biologische Antwort auf ESWT ausgeübt werden, umfassen die Initialisierung der Gefäßneubildung, die Rekrutierung von mesenchymalen Stammzellen, sowie die Stimulation der Zellproliferation und -differenzierung; außerdem sind entzündungshemmende und antimikrobielle Wirkungen und die Unterdrückung der Nozizeption bekannt [10, 12, 31, 50, 53–55]. Bei der Angiogenese sprossen neue Kapillaren aus existierenden Gefäßen aus. Dieser Prozess wird durch angiogenetische Faktoren initiiert. Der bekannteste angiogenetische Faktor ist der Vascular Endothelial Growth Faktor (VEGF). Dieser ist in 4 unterschiedlichen Isoformen vorhanden: VEGF-A, VEGF-B, VEGF-C und VEGF-D. Diese Proteine können ihre spezifischen Rezeptoren (VEGF receptor (VEGFR)1–3) aktivieren und somit ihre biologische Wirkung entfalten. VEGFR3 ist hauptsächlich auf lymphatischen Endothelzellen vorhanden und wird durch VEGF-C und VEGF-D aktiviert. VEGFR2 bindet die wichtigste Isoform von VEGF, nämlich VEGF-A und führt zur Proliferation, Migration und Überleben von Endothelzellen. ESWT führt zur Freisetzung von VEGF aus der extrazellulären Matrix und zur Stimulation von VEGFR2 [2, 10, 12, 31, 50, 53–55].
