Übersichtsarbeiten - OUP 04/2026

Sekundäre Schultersteife
Indikationen, diverse Techniken und Prognose der arthroskopischen Revisionsoperationen

Lars Victor von Engelhardt, Robert Hudek

Lernziele:

Die Leserin bzw. der Leser soll...

die Unterschiede zwischen primärer und sekundärer Schultersteife hinsichtlich Ursachen, Verlauf und Prognose verstehen.

ursachengerechte konservative und operative Behandlungskonzepte der sekundären Schultersteife einschließlich der arthroskopischen Arthrolyse und begleitender operativer Revisionsverfahren beurteilen können.

prognostische Faktoren und die Anforderungen an eine arthroskopische Revisionsoperation inkl. Nachbehandlung verstehen, um möglichst gute funktionelle Ergebnisse und einen erfolgreichen Return to Sports anstreben zu können.

Zusammenfassung:
Die Schultersteife ist ein klinisches Syndrom mit Einschränkung der aktiven und passiven Beweglichkeit des Schultergelenks. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Schultersteife, da sich Ursachen, Verlauf und Therapie unterscheiden. Die primäre Schultersteife ist eine meist selbstlimitierende entzündlich-fibrotische Erkrankung der Gelenkkapsel mit einem typischen Verlauf aus Schmerz-, Steife- und Erholungsphase. Die sekundäre Schultersteife entsteht dagegen nach Trauma, Operationen, Frakturen, Rotatorenmanschettenrekonstruktionen, Schulterstabilisierungen, Kalktendinitis, etc. Neben kapsulären Kontrakturen bestehen häufig extrakapsuläre Adhäsionen im subakromialen, subdeltoidalen und subkorakoidalen Raum. Während die primäre Schultersteife häufig konservativ ausheilt, sind die Ergebnisse bei sekundären Formen oft begrenzt. Bei persistierender, funktionell relevanter Steife stellt die arthroskopische Arthrolyse ein erfolgreiches operatives Verfahren dar. Dabei werden intraartikulär die kontrakten Anteile der Gelenkkapsel einschließlich des Rotatorenintervalls sowie der anterioren, inferioren und gegebenenfalls posterioren Kapsel gelöst. Zusätzlich erfolgt bei sekundären Formen häufig eine extraartikuläre Arthrolyse mit Lösung subakromialer, subdeltoidaler und subkorakoidaler Verwachsungen, um die physiologische Gleitfähigkeit der Weichteile wiederherzustellen. Wichtig sind auch begleitende operative Verfahren, wie bspw. eine Manschettenrekonstruktion, Implantatentfernung, Kalkentfernung sowie die Versorgung von Bizepssehnenpathologien. Zahlreiche Studien zeigen nach arthroskopischer Arthrolyse sehr gute Verbesserungen von Schmerzen, Beweglichkeit und Schulterfunktion. Viele Patientinnen und Patienten erreichen wieder nahezu normale Alltagsfunktionen und können auch zu Überkopf- und Wurfsportarten zurückkehren. Eine konsequente Physiotherapie nach der arthroskopischen Arthrolyse ist entscheidend.

Schlüsselwörter:
Primäre und Sekundäre Schultersteife, arthroskopische Arthrolyse, posttraumatische Schultersteife,
Return to Sports

Zitierweise:
von Engelhardt LV, Hudek R: Sekundäre Schultersteife. Indikationen, diverse Techniken und Prognose
der arthroskopischen Revisionsoperationen.
OUP 2026; 15: 188–198
DOI 10.53180/oup.2026.0188-0198

Summary: Shoulder stiffness is a clinical syndrome characterized by restricted active and passive range of motion of the shoulder joint. The distinction between primary and secondary shoulder stiffness is essential, as the causes, clinical course, and treatment differ. Primary shoulder stiffness is a predominantly self-limiting inflammatory-fibrotic disorder of the joint capsule with a typical course consisting of a painful phase, a stiffness phase, and a recovery phase. In contrast, secondary shoulder stiffness develops following trauma, surgery, fractures, rotator cuff repairs, shoulder stabilization procedures, calcific tendinitis, etc. In addition to capsular contractures, extracapsular adhesions are frequently present in the subacromial, subdeltoid, and subcoracoid spaces. While primary shoulder stiffness often resolves with conservative treatment, the results in secondary forms are frequently limited. In cases of persistent, functionally relevant stiffness, arthroscopic arthrolysis represents a successful surgical treatment option. During this procedure, the contracted parts of the joint capsule, including the rotator interval as well as the anterior, inferior, and, if necessary, posterior capsule, are released intra-articularly. In addition, secondary forms frequently require extra-articular arthrolysis with release of adhesions in the subacromial, subdeltoid, and subcoracoid spaces in order to restore the physiological gliding capacity of the soft tissues. Concomitant surgical procedures are also important, such as rotator cuff reconstruction, implant removal, excision of calcific deposits, and treatment of biceps tendon pathologies. Numerous studies have demonstrated very good improvements in pain, range of motion, and shoulder function following arthroscopic arthrolysis. Many patients regain nearly normal function in daily activities and are able to return to overhead and throwing sports. Consistent physiotherapy following arthroscopic arthrolysis is essential.

Keywords: Primary and secondary shoulder stiffness, arthroscopic arthrolysis, post-traumatic shoulder stiffness, return to sports

Citation: von Engelhardt LV: Secondary Shoulder Stiffness. Indications, various techniques, and prognosis of arthroscopic revision surgeries
OUP 2026; 15: 188–198. DOI 10.53180/oup.2026.0188-0198

L.-V. von Engelhardt: Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke, Witten & Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sportmedizin, Klinikum Peine, Peine

R. Hudek: ATOS Klinik Fleetinsel Hamburg, Hamburg & Fachbereich Medizin, Orthopädie und Unfallchirurgie, Philipps-Universität, Marburg

Primäre und sekundäre Schultersteife

Die Schultersteife ist kein einheitliches Krankheitsbild, sondern ein klinisches Syndrom mit unterschiedlichen Ursachen, bei dem die aktive und passive Beweglichkeit des Schultergelenks eingeschränkt ist. Die Schultersteife beginnt typischerweise mit einer zunehmenden Einschränkung der Außenrotation, die meist das früheste und deutlichste klinische Zeichen darstellt (Abb. 1a). Im weiteren Verlauf nehmen zunächst die Abduktion (Abb. 1b), anschließend die Anteversion und schließlich auch die Innenrotation des Armes ab. Neben den erheblichen Bewegungseinschränkungen bestehen häufig starke Schmerzen, wodurch selbst einfache Alltagsaktivitäten wie Anziehen, Heben des Arms, Autofahren oder Schlafen deutlich beeinträchtigt werden können [31, 65]. Beruflich und sportlich hat die Erkrankung oftmals gravierende Folgen. So sind körperliche Arbeiten, Überkopfbewegungen oder gar ein regelmäßiges Training allenfalls eingeschränkt oder teilweise gar nicht mehr möglich [37]. Überkopfsportarten, Wurfbelastungen, Schwimmen, Tennis oder Klettern, die eine ausreichende Außenrotation, Elevation und skapuläre Kontrolle erfordern, sind nicht mehr möglich. Die anhaltenden Schmerzen und funktionellen Einschränkungen haben neben dem deutlichen Verlust an Lebensqualität meist auch psychosoziale Folgen wie Schlafstörungen, Frustration, Angst, depressive Verstimmungen und sozialen Rückzug zur Folge [31].

SEITE: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7