Übersichtsarbeiten - OUP 04/2026
Sekundäre SchultersteifeIndikationen, diverse Techniken und Prognose der arthroskopischen Revisionsoperationen
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen primärer idiopathischer Schultersteife und sekundärer Schultersteife, weil sich Pathophysiologie, Verlauf, Therapieansprechen und Prognose deutlich unterscheiden. Die primäre, idiopathische Schultersteife, auch Frozen Shoulder oder adhäsive Kapsulitis genannt, ist eine globale Schultersteife ohne erkennbare strukturelle Ursache [24]. Charakteristisch ist eine entzündliche (Abb. 1c, d), im Weiteren fibroblastische Proliferation der Gelenkkapsel mit zunehmender Kapselverdickung, Verklebung des Rezessus und Kontraktur des Rotatorenintervalls [21]. Obwohl die primäre Schultersteife im Allgemeinen als selbstlimitierend beschrieben wird, ist der Begriff „selbstlimitierend“ klinisch zu relativieren. Viele Patientinnen und Patienten erreichen zwar eine relevante Schmerzreduktion und funktionelle Verbesserung, dennoch können persistierende Bewegungseinschränkungen zurückbleiben. In der Literatur werden dauerhafte Restbeschwerden beziehungsweise Bewegungseinschränkungen bei einem relevanten Anteil der Betroffenen beschrieben [20, 49]. In solchen Fällen lassen sich mittels arthroskopischer Arthrolyse sehr gute Ergebnisse erzielen [18].
Die sekundäre Schultersteife beschreibt hingegen eine Bewegungseinschränkung infolge einer bekannten Ursache. Häufig besteht diese infolge einer Operation, wobei bspw. Rotatorenmanschettenrekonstruktionen, Schulterstabilisierungen, Frakturversorgungen, eine Kalkdepotentfernung, etc. häufige vorangegangene Operationen sind. Ebenso kann auch ein Weichteiltrauma und/oder eine Fraktur eine sekundäre Schultersteife auslösen. Andere Ursachen können Verkalkungen, vorhandene Manschettenschäden, Bizepssehnenpathologien, Infektionen, Implantat- bzw. Endoprothesenprobleme, degenerative Gelenkveränderungen, etc. darstellen [24]. Im Unterschied zur primären Steife ist die Pathomorphologie bei der sekundären Form meist nicht auf die Gelenkkapsel beschränkt. Typisch sind zusätzliche extrakapsuläre Adhäsionen im subakromialen, subdeltoidalen und subkorakoidalen Raum, die bspw. aus posttraumatischen oder postoperativen Hämatomen, Fehlstellungen von Implantaten oder Knochen, etc. entstehen und auch hier das freie Gleiten der Weichteile mechanisch behindern [60]. Auch der Verlauf ist anders. Im Gegensatz zur primären Form besteht häufig keine klare schmerzhafte und hochempfindliche Entzündungsphase mit nachfolgender langsamer Steifigkeitszunahme. Vielmehr tritt die Bewegungseinschränkung früh nach dem Ereignis auf oder persistiert nach einer zunächst erwartbaren postoperativen Immobilisationsphase. Dabei kann eine eingeschränkte Beweglichkeit nach Operationen in den ersten Wochen und Monaten auch physiologisch beziehungsweise therapeutisch vorteilhaft sein. Dies gilt insbesondere nach Rotatorenmanschetten- oder Labrumrekonstruktionen, bei denen eine gewisse postoperative Steife die Rekonstruktion vor zu früher Belastung schützen kann [23, 59]. Pathologisch wird die Steife, wenn sie trotz adäquater Rehabilitation persistiert, mit Schmerzen und Funktionsverlust einhergeht und über den erwartbaren Heilungsverlauf hinaus bestehen bleibt. Bei persistierender Steife bei einer sekundären Schultersteife über 4–6 Monate nach Trauma oder Operation ist die Wahrscheinlichkeit einer spontanen vollständigen Rückbildung deutlich geringer bzw. unwahrscheinlicher als bei der primären Frozen Shoulder [19].
Operativ versorgte Schulterinstabilität und Schulter
steife
Nach arthroskopischer Labrumrekonstruktion zur Schulterstabilisierung kann die sekundäre Schultersteife durch die postoperativ eingeschränkte Mobilisation, eine kapsuläre Arthrofibrose und/oder eine rezidivierende Instabilität bedingt sein. Die damit einhergehenden Schmerzen und eine Schultersteife entwickeln sich häufig früh nach arthroskopischer Stabilisierung [62]. Häufig finden sich bei anhaltenden, bzw. über lange Zeiträume unversorgten Schulterinstabilitäten Glenohumeralarthro sen, die auch als Dislocation Arthropathy bezeichnet werden. Die Arthroseraten liegen hierbei zwischen 20 % und 69 %, wobei die meisten Fälle initial eher mild ausgeprägt sind [48, 53]. Ebenso können bei anhaltenden Beschwerden implantatassoziierte intraartikuläre Schäden vorliegen, welche bspw. durch prominente Fadenanker, Fadenknoten oder anderes Implantatmaterial verursacht sein können. Diese implantatinduzierte Glenohumeralarthropathie wird auch als Anchor-Arthropathie bezeichnet [62].
Die verwendeten Implantate zur Schulterstabilisierung haben sich im Verlauf verbessert. Von Staples, Metallankern und -Schraubankern, etc. hin zu modernen Fadenankern aus Poly-L-Milchsäure, PEEK oder All-Suture-Systemen findet sich eine stetige Weiterentwicklung [32]. Allerdings können auch moderne Ankersysteme beschleunigte Arthropathien auslösen [2,3,5,57]. Risikofaktoren für die Entwicklung einer Arthropathie nach Schulterinstabilität sind unter anderem die Dauer der Instabilität vor der Operation, die Anzahl der Luxationen, nichtanatomische Stabilisierungstechniken, die Anzahl der verwendeten Implantate und das Alter [8, 17]. Mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten entwickelte Symptome innerhalb von 10 Monaten nach der arthroskopischen Stabilisierung. Die Beschwerden können in seltenen Fällen kurz nach der OP neu auftreten; sie sind dann nicht immer klar von einer normalen postoperativen Steife zu unterscheiden [62].
Frakturversorgung und Schultersteife
Die Schultersteife kann sowohl nach konservativer Behandlung als auch nach operativer Stabilisierung einer proximalen Humerusfraktur auftreten. Auch nicht dislozierte oder anatomisch rekonstruierte Frakturen können durch Schmerz, Hämatom, Schonhaltung und Immobilisation zu einer persistierenden Bewegungseinschränkung führen [34]. Häufig ist die Schultersteife nach Fraktur eine kombinierte intra- und extraartikuläre Erkrankung. Die Gelenkkapsel ist meist verdickt und kontrakt, teilweise erinnert der Befund an einen Ledergurt. Gleichzeitig verhindern extrakapsuläre Verwachsungen im subakromialen, subdeltoidalen und subkorakoidalen Raum das physiologische Gleiten zwischen Humeruskopf, Rotatorenmanschette, Deltoid und Akromion [60]. Bei Fehlheilungen oder Fehlstellungen kann es zusätzlich zu entsprechenden Defiziten kommen. Bspw. kann ein fehlpositioniertes Tuberculum majus die Abduktion, Vorwärtshebung und Außenrotation mechanisch behindern, während ein fehlverheiltes Tuberculum minus vor allem die Innenrotation einschränken kann [14, 44]. Andere Befunde können eine ungünstige Implantatpositionierung, Fragmentverschiebungen oder eine Schraubenpenetration sein [38, 46]. Die Häufigkeiten einer sekundären Schultersteife nach Fraktur sind hoch. So entwickeln bspw. bis zu einem Viertel der Patientinnen und Patienten mit proximalen Humerusfrakturen nach einer Osteosynthese eine hochgradige sekundäre Schultersteife. In diesen Fällen sind Revisionsoperationen sinnvoll und sehr hilfreich [50]. Wichtig ist zudem der Ausschluss einer Infektion. Gerade Low-grade-Infektionen können klinisch unauffällig sein und normale Laborwerte zeigen. So werden bei Revisionsoperationen nach Osteosynthese in einigen Fällen unerwartet positive Kulturen beschrieben, weshalb mikrobiologische Probenentnahmen empfohlen werden [1, 52].
